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YEAR: 2007./2008.

TRANSLATOR: KLAUS DETLEF OLOF

COPYRIGHT: ALL RIGHTS RESERVED


 Eine Rekonstruktion


Dich weckt Staubsaugerlärm. Dein Blick wandert durch das Zimmer. Der Staubsauger ist auf dem Korridor, genau vor der Tür deines Zimmers. Du hast Angst, dass der Mann mit dem Staubsauger in dein Zimmer eindringen könnte. Jemand, der seinen täglichen Job mit dem Staubsauger versieht, könnte dich allein im Bett ertappen und dich bloßstellen. Du verlässt das Bett, als wäre alles in bester Ordnung. Du gehst vorsichtig zur Tür und drehst den Schlüssel, den du schon einmal gedreht hast, noch einmal. Gestern hast du ihn gedreht. Jetzt drehst du ihn noch einmal. Und würdest es vielleicht noch einmal versuchen, wenn dich nicht ein einfacher logischer Schluss innehalten ließe. Einfache Zylinderschlösser werden mit zwei Drehungen gegen den Uhrzeigersinn gesperrt. Während du an der Tür stehst und den Schlüssel in der Hand hältst, glaubst du dich für immer verloren. Versuchst, dich an die letzte Sache zu erinnern, die du gestern gelesen hast. Etwas, das dich davon überzeugen würde, dass du gestern hier warst, anwesend.

Was machst du hier?

Welcher Tag ist heute, weißt du das wenigstens? Donnerstag? Mittwoch? Bist du gestern allein schlafen gegangen? Oder hast du jemanden bei dir

gehabt?

Das Kissen sieht aus, als hättest du es mit jemandem geteilt. Sind deine Brustwarzen verletzt? Bluten sie?

Vielleicht ist er ins Badezimmer gegangen. Du horchst. Hörst kein Wasserrauschen.

Vielleicht hast du ihn gar nicht mitgebracht. Vielleicht hast du ihn auf dem Weg verloren. Du lehnst dich mit dem Rücken an die Tür. Du siehst um dich.

Würdest du an das eigene Leben wie ein Archäologe herantreten, müsstest du die Zeit finden, in der Ideologie noch einen Sinn hatte. Ähnlich einer Amphore für Öl. Oder einer Bronzeklinge. Oder einer goldenen Speerspitze, an der noch Reste von Menschenfleisch hängen. Anhand der Fleischreste könntest du wenigstens annähernd die Zeit der Sinnhältigkeit bestimmen.

Vierzigtausend Jahre, plus – minus.

Die Zeit vor der Ankunft in dieser Stadt. Die Zeit vor dieser Stadt.

Du befindest dich in der 6. Etage eines Drei-Sterne-Hotels in einem Stadtteil, der sich nach fünfzig Jahren der Teilung und Wiedervereinigung nicht mehr so erholt hat wie seine westliche Hälfte.

Im Zimmer 304 als der letzten Zuflucht der vernünftigen Welt, die noch das

Gefühl erzeugen kann, dass dein Hier-Sein einen Sinn ergibt. Zumindest irgendeinen Sinn.

Es ist der Tag deiner Heimfahrt. Am letzten Tag ist es immer zu spät für Einwilligung oder Flucht. Du bemühst dich, dass deine Heimfahrt nicht nur eine Rückkehr wird. Schon seit Monaten entwickelst du den Plan. Jetzt hat der Countdown begonnen, der die Rückkehr so bedeutend machen soll wie die Entdeckung Amerikas.

Du hörst, wie sich der Staubsauger auf dem Gang entfernt. Den Schlüssel hältst du noch immer in der Hand.

Was jetzt?

Sei kein Feigling.

Versuche, dich der Herausforderung zu stellen. Helden schlafen bei offenen Türen. Ohne Angst, dass ihnen jemand Unerwünschtes ins Bett kriechen und ihren Plan aufdecken könnte.

Schließe die Augen und versuche, einen neutraleren Anfang als diesen zu finden.

Hosenscheißer.

Der Wecker hat dich geweckt, so wie er dich jeden Morgen weckt. Die Zeiger zeigen den richtigen Winkel als einzige genaue Zeit. Du folgst einem fünfzehnminütigen Mikrogedanken, der dir genug Zeit lässt, dir auszumalen, was sich in der Zwischenzeit so sehr verändert haben könnte, dass es am sichersten wäre, nicht aufzustehen. Fünfzehn Minuten sind genug Zeit, dass du deine politische Ideologie änderst, Namen, Biographie, Wünsche, Sehnsüchte, Pläne, Versprechungen, Erwartungen, alles, alle Standpunkte, hinter denen du gestern noch fest gestanden hast. Unerschütterlich und grob.

Ein wenig gewalttätig.

Eine Viertelstunde, nach der es entweder sich ändern oder aufstehen heißt. Du stehst auf. Bevor noch die Zeiger einander decken und jemand an dich

denkt.1

Du öffnest die Augen, um das Aufzählen jener zu vermeiden, denen du fehlst.

Du gehst zur offenen Tür des Badezimmers.

Du hörst das Wasser tropfen und spürst den Geruch von

Desinfektionsmittel.

Als du näher kommst, siehst du im Spiegel die trüben Umrisse deines

Körpers.

Als du ganz nahe kommst, siehst du zum ersten Mal dein eigenes Gesicht.

Aber du erkennst es nicht. Noch drei Mal wirst du das eigene Gesicht sehen, doch werden diese Spiegelungen ganz zufällig sein.

Im Badezimmerspiegel hast du das eigene Gesicht also nicht erkannt. Das ist auch früher schon vorgekommen.

Kein Grund zur Panik.

Das eigene Gesicht nicht zu erkennen, ist eigentlich ein Vorteil. Besser, du weißt nicht, wozu du fähig bist. Wozu du bereit bist.

Du hast den Kopf gedreht, und das Gesicht ist verschwunden, als hätte es nie existiert.

Um das, was du dir vorgenommen hattest, richtig auszuführen, ist es besser, sich nicht wieder zu erkennen.

Du unternimmst ein großes Manöver. Mit Schwung machst du auf dem Absatz kehrt, verlässt das Badezimmer, gehst durch das Zimmer und trittst zum Fenster.

Du markierst dein Territorium. Du willst ihnen helfen, deine Bewegungen noch leichter zu rekonstruieren, wenn sie begreifen, dass du hier die letzten Stunden vor dem Weg zum Flughafen verbracht hast.

Mit der Hand berührst du dein Geschlecht. Du schiebst den Finger in die Nase.

Du riechst den Geruch des Geschlechts.

Du würdest mit deiner Gelassenheit gern jemandes Sympathie erwerben.

Wüsste nur jemand, dass du hier bist, völlig offen für jeden Einfluss. Noch verschlafen. Noch bevor du dich vollkommen deiner Aufgabe widmest.

Der ungeheuren Sabotage, die du planst.

Du hast es gesagt. Heute Morgen zum ersten Mal.

Du hast dieses Wort geträumt. Wie es in der Dunkelheit leuchtet. In einer idyllischen dunklen Wüstenszene wie Neon flimmert. Ein einziges Wort. Ein Wegweiser.

Du bist ruhig.

Du drehst dich zum Zimmer um. Erfasst es mit dem Blick.

Ein Hotelzimmer, drei mal fünf Meter. Das Tapetenmuster neutral, ideal, um an ihm wie an Jahresringen die Zeit abzulesen und die Wünsche desjenigen zu rekonstruieren, der hier einmal gewohnt hat. Die Tapeten sind mit dem stilisierten Motiv einer erblühten Lilie geschmückt, die, verkehrt herum geklebt, aussieht wie ein prächtiger Penis mit einer großen, Sperma verspritzenden Eichel. Zufall? Oder ist da jemandes Wollust verschmiert zurückgeblieben auf den vergilbten Wänden des Hotelzimmers, wie in einem Lager der Sehnsüchte.

Du kannst versuchen zu erraten, wer vor dir in diesem Zimmer geweilt hat.

Versuchen, das genaue Bild des anderen zu rekonstruieren. Sehen, wie viel deine ganze Erfahrung wert ist. Die Wand zerschneidet das Zimmer in zwei Hälften, in Richtung Ost-West. Vielleicht war es früher Teil eines größeren Appartements. Oder eines Tanzsaals. Jemand muss auf der anderen Seite sein. Im Zwischenraum.

Rechts vom Eingang befindet sich ein kleiner Tisch mit einem beigestellten Stuhl. Auf dem Tisch in einer Plastikmappe die Hausordnung und Verhaltensregeln. Das Einbettzimmer ist nur für eine Person vorgesehen. Besucher dürfen bis längstens 22 Uhr bleiben. Bei Zuwiderhandlung ist das Hotel gezwungen, entsprechend im Voraus festgesetzter Preise ein Notbett zu berechnen. Das steht da in Fettschrift. Ein eigenes Gesetz, das nicht verletzt werden sollte. Ungeachtet der Lust und individuellen Neigung, Gesetze zu verletzen und aufgezwungene Systeme zu unterlaufen. In diesem Hotelzimmer hast du sieben Tage gewohnt. Ohne den Versuch, dich wie zu Hause zu fühlen oder bewusst zu versuchen, den Raum als Teil einer anderen Situation zu erkennen.

Du warst nie zuvor in diesem Zimmer. Du hast es nie geträumt. Nie hat dir jemand von ihm erzählt. Du hast keine Fotos gesehen. Du hast den Geruch nicht wieder erkannt. Das Tapetenmuster kam dir nicht bekannt vor. Nie hat dich ein Fremder in ein solches oder ähnliches Zimmer geführt, damit du dich im Badezimmer ausziehen konntest. Seine Architektur, die räumliche Unlogik, das Licht, das durch das nach Westen gehende Fenster herein kommt – all das ist dir völlig fremd.

SEINE FUNKTION IST DIR VÖLLIG UNKLAR.

Warum solltest du dich dann quälen, es wieder zu erkennen?

Du öffnest das Fenster. Es kann kalt sein oder warm. Das hängt von der Jahreszeit ab. Nehmen wir an, dass an diesem oder einem Tag vorher die Sommersonnenwende eingesetzt hat.

Die Temperaturen sind zu hoch.

Du spürst, wie dein Körper alle möglichen Stoffe in überhöhten Mengen produziert.

Du hast dir die Achselhaare rasiert, die Scham- und Brusthaare gestutzt.

Damit der Körper möglichst wenig Widerstandsflächen bietet. Du zeigst dich der Welt, urbi et orbi, als der letzte Heuchler, dem alle bedingungslos glauben. Du lehnst dich gefährlich weit aus dem Fenster. Wenn du die Welt aus der Höhe betrachtest, fallen die Größenverhältnisse immer zu Gunsten der Welt aus. Du bist so klein. Du lehnst dich noch ein wenig hinaus. Du spürst, wie dir der Wind, gewürzt mit dem Geruch von Hühnerkeulen und süßem Schweinefleisch, in den Kopf steigt und ihn füllt wie ein Gefäß. Gleich hinter der Ecke befindet sich ein Chinarestaurant. Die Stammgäste sind hauptsächlich Chinesen – Familie und Freunde des Besitzers aus den umliegenden Sozialbauten.

Vom Geruch bist du hungrig geworden. Du gehst zum Tisch.

Er liegt auf dem Tisch.

Gestern hast du ihn beendet, in einen Umschlag gesteckt, den Falz angeleckt und ihn zugemacht.

Den Brief.

Auf dem Tisch neben allen anderen Dingen. Ein weißer Umschlag.

Amerikanisches Format: 230 x 110 Millimeter. Du nimmst ihn in die Hand, dann legst du ihn wieder auf den Tisch. Unnötige Geste. Außer du möchtest die Wichtigkeit des Briefes bei der durchzuführenden SABOTAGE (Performance) betonen.

Du schließt das Fenster. Ziehst den Vorhang zu. Im Halbdunkeln kannst du besser nachdenken. Die Wünsche sind freier, wenn die Welt kaum wahrnehmbar ist.

Du legst dich bäuchlings auf den Boden.

Über dem Stuhl liegt der hingeworfene Anzug. Ins Bild kommen die Ärmel deines Sakkos und die von Dreck und Staub gesäuberten Schuhe, ordentlich neben dem Arbeitstisch aufgebaut. Eine Sockenkugel, in einen der Schuhe gelegt.

Egal in welchen.

Ob in den linken oder den rechten.

Manch einer könnte darin deine Gewohnheiten wiedererkennen. Deine ideologische Ausrichtung. Deine Zugehörigkeit zu politischen Fraktionen. Deine Neigung zu stillem, doch wirkungsvollem Aktivismus. Deine Ordentlichkeit. Deine Krankengeschichte. Tagelang, nachdem du dieses Zimmer verlassen hast, könnte jemand nach – dem Auge nicht sichtbaren – Details suchen und versuchen, aus ihnen dein psychologisches Profil zu erstellen und deinen nie in Erfüllung gegangenen Wunsch nach einem ORDENTLICHEN LEBEN abzuleiten.2

Wenn du es schon ablehnst, über jemanden anders nachzudenken, könnte sich jemand mit dir beschäftigen und versuchen zu rekonstruieren, was du die letzten zwölf Stunden gemacht hast. Ob du deine Notdurft verrichtet hast. Die große und die kleine. Ob du ferngesehen hast. Ob du vor dem Schlafen geduscht hast. Ob du im Bett masturbiert hast. Ob du deine Hand am Bettlaken abgewischt hast. Ob du geblutet hast.

Warum hättest du bluten sollen?

Jemand könnte völlig daneben liegen. Ordentliches Leben und spontane

Blutungen sind völlige Illusionen.

Jemand könnte eine Grafik verfehlter Wünsche zeichnen. Einen Charakter rekonstruieren, der überhaupt nicht deiner ist, der aber als dein ideales Ich durchgehen könnte. Als der, der du immer sein wolltest. Von dem du seit jeher geträumt hast. Dessen Konturen du so deutlich sehen, jedoch nie zu deinen eigenen machen konntest. Der, der blutet, sich aber deshalb nicht als Held fühlt. Für so etwas war schon immer zu wenig Zeit.

So wie immer zu wenig Zeit ist zu begreifen, was es heißt, für die richtige

Sache zu sterben.

Was für ein romantisches Syntagma.

Du könntest es als endlose Variante entwickeln, es jeder Ideologie entgegensetzen, jedem System, würdest du einen genügend sicheren Ort finden.

Einen Ort, der zum Risiko bereit ist.

Einen Ort, der mehr Bodenhaftung hat als dieser. Der Boden unter deinen Füßen ist nicht mehr sicher.

Während du auf dem Bauch liegst und über den Tod für die richtige Sache nachdenkst, spürst du, wie die ganze Etage jedes Mal vibriert, wenn sich der Mechanismus der Aufzüge auf dem Gang in Bewegung setzt. Dein Körper überträgt das Vibrieren auf das Gefühl der Sicherheit, an dem du die letzten Tagen so viel gearbeitet hast. Das ist der Augenblick, in dem alles verloren sein könnte. Ein einziges Vibrieren könnte die gesamte Konstruktion des Vertrauens in die Abfolge der beabsichtigten Schritte zum Einsturz bringen. Du musst einen Weg finden, stärker zu sein als das Vibrieren. Du stemmst dich mit den Händen gegen den abgewetzten Bodenbelag, hebst und senkst dich wieder, bis du mit der Nasenspitze den Boden berührst. Und das, so lange die Arme das Gewicht des Körpers aushalten. Bis sich der Körper zu verspannen beginnt und der Krampf in den Muskeln den Zweifel überwindet. Du zählst laut. Das dauert lang genug, um zu spüren, wie sich dein Kopf von allen Zweifeln leert. Aber das ist nicht genug. Du legst dich auf den Rücken, verschränkst die Arme unter den Hinterkopf und hebst den Rumpf so lange, bis die Muskelkontraktion das Gefühl von Befriedigung hervorruft, das Gefühl, dass du deinen Körper liebst. Du atmest durch die Nase ein, atmest durch den Mund aus und lässt den Speichel überall hinsprühen. Auf den Boden, auf die Beine, auf die Brust, auf das Gesicht. Schweiß rinnt dir den Rücken und die Schenkel hinunter und sammelt sich in den rasierten Leistenbeugen. Du bist glitschig wie ein Fisch. Kein einziger Gedanke dauert länger als drei Sekunden.

Jetzt bist du Gottes pornografischem Bild näher.

Am ersten Tag, als du hier ankamst, hattest du keine Ahnung von dem, was man von dir erwartete. Du dachtest, du wärst am falschen Ort.

Der Gedanke, du könntest dich irrtümlich an diesem Ort befinden, hat dich angespornt, Verantwortung zu fühlen und den Grund herauszufinden, aus dem du dich an diesem Ort befindest. Einen Grund, größer als der, der dir gerade in den Sinn kommt.

Das Festival mitteleuropäischer Autoren. Es dauerte fünf Arbeitstage.

Von Montag bis Freitag. Deine Rolle war klein, unmerklich, aber du warst notwendig wegen des Durchschnitts. Niemand hat dich erkannt. Wer deine Romane kannte, erkannte nicht dein Gesicht. Wer dein Gesicht erkannte, konnte sich nicht erinnern, woher er dich kannte. Es stellte sich heraus, dass deine Romane in den Übersetzungen nicht wie deine aussehen. Als hätte dich die Sprache verraten und es den Menschen, die den Kongresssaal bevölkern, unmöglich gemacht, die Titel deiner Bücher mit deinem Gesicht in Verbindung zu bringen. Oder dein Gesicht mit diesen Büchern, oder mit irgendeinem Buch, das im Katalog präsentiert wurde.

Immerhin haben sie dich bei jedem Vorbeigehen mit einem Kopfnicken gegrüßt, mit einem Blick voller Achtung und gewürzt mit intellektuellem Lächeln. Mit einem, das nicht die Zähne sehen lässt und das die zurückhaltende Vorsicht eines Mitglieds einer erfahrenen Demokratie bewahrt. Dir schien es, als wüssten sie mehr über dich, als du selber über dich weißt. Oder sie haben dich nur bemitleidet wegen eines Fehlers, der gleich am ersten Tag passiert ist und den du noch immer als logischen Fehler zu begreifen suchst.

Obwohl es dir so scheint, als läge der Fehler genau genommen immer in dem Wunsch, die Wirkung für kurze Zeit noch im eigenen Körper zurückzuhalten, für dich.

Die Wirkung als einzige Ideologie, für die es sich noch zu kämpfen lohnt. Die richtige Seite zu unterstützen.

Auf der richtigen Seite zu bleiben. Nicht nachzulassen.

Standhaft zu sein. Zu kämpfen. Beharrlich zu sein.

Keine Furcht zu spüren.

Was könnte überhaupt falsch laufen?

Auf die Schnelle geplante Aktionen wurden im gleichen Prozentsatz erfolgreich ausgeführt wie lang geplante und ausgefeilte Aktionen.

Du liegst auf dem Boden, während dein Körper dörrt und du auf einen Fleck

an der Decke starrst.

Bevor du aufstehst, dich anziehst und aufbrichst, würdest du gern noch etwas für dich tun. Ein Zeichen für den hinterlassen, der nach dir in diesem Zimmer schlafen und an die Decke starren wird.

Die Flecken an der Decke erinnern dich an einen noch unentdeckten

Kontinent.

Einen Kontinent, dem eine Katastrophe droht.

Einen Kontinent, der eine Katastrophe überlebt hat.

An eine seltsame, inzestuöse Symbiose von Kontinenten.

Du erhebst dich vom Boden. Du ziehst den Stuhl unter die Stelle, an der sich an der Decke die Flecken befinden. Du steigst hinauf und schreibst mit dem Bleistift

FIND ME ON THE MAP, IF YOU CAN. Es ist an der Zeit aufzubrechen.

Den Rest des Plans führst du organisiert aus wie der geübteste Soldat. Solange du nicht hinausgehst, bewegst du dich im Hotelzimmer wie im Niemandsland.

Du ziehst das Hemd an, dann die Hose. Bindest dir die Krawatte. Ziehst die

Strümpfe an. Danach die Schuhe. Du bewegst die Zehen, um zu spüren, wie viel Platz du zum Manövrieren hast. Wie ein kleiner Abergläubischer.

Die Sachen auf dem Tisch packst du in die schwarze Ledertasche. Das, was du für die Performance brauchst. Nicht mehr. Alles, was nicht in die Tasche passt, wirfst du in den Kissenbezug und verlässt damit das Hotel. Die Beweise, dass du hier, in diesem Hotelzimmer, in dieser Stadt warst, musst du vernichten.

Von dem Moment an, in dem du das Zimmer verlässt, ist jeder deiner Schritte vollständig berechnet. Keine überflüssigen Gesten. Es gibt kein Hinauszögern. Es gibt keine unnötige Mimik, die Enttäuschung verraten würde. Oder Trauer.

Du verlässt das Hotelzimmer mit der Absicht, nie wieder zurückzukehren.

Damit eine solche Entscheidung konsequent umgesetzt werden kann, musst du praktisch denken.

Du schreitest den Hotelflur hinunter, dessen Isolation an die Etagen großer geschlossener Kaufhäuser erinnert. Du hörst die eigenen Schritte nicht. Die Sohlen deiner Schuhe versinken im abgewetzten Läufer.

Die Hotelflure sind mit Videokameras gesichert. Am Ende jeden Flurs befindet sich ein Fischauge. Eine Überwachungskamera, die jeden deiner Schritte verfolgt, jede deiner Gesten. Du bemühst dich, sie nicht merken zu lassen, dass du sie bemerkt hast.

Du trittst zur Rezeption. Du meldest dich ab. Du nimmst deinen Pass und steckst ihn in die Tasche.

Du verlässt das Hotel und die Kurfürstenstraße und gehst zur U-Bahn Station, die gekennzeichnet ist, als handelte es sich um eine Goldgrube. Immer aufs Neue, immer aufs Neue, als hättest du bisher noch nie vor einer offenen Landschaft gestanden, berührt dich die Einöde der Stadt. Zwischen den Straßen sprießen unendliche Schwindel erregende Lichtungen. Unsicherheit in der Absicht. Es will dich ins Wanken bringen. Dich dazu bringen, dir ein Schiff vorzustellen, das auf dich zusteuert und dich bedroht. Ein großes drohendes Ungetüm mitten in der Stadt. Ein Fehler, der ein Hindernis erzeugt, ist in deinem Kopf. Du drehst dich um und suchst einen Container. Du gehst hin und wirfst den Kissenbezug mit den Sachen, die von niemandem gefunden werden dürfen, hinein.

Auf der leeren Straße bemerkt dich keiner. Ruhig entfernst du dich vom Container. In einer idealen Filmszene würde der Container in dem Augenblick, in dem du dich kaltblütig und weit genug entfernt hast, in die Luft fliegen. Die Zeitlupenaufnahme der Explosion würde auf deinem Gesicht nicht einmal ein Zucken hervorrufen. Sie würde sich bis ins Unendliche wiederholen und aus deinem Gesicht zuerst die Augen, dann die Nase und den Mund wegwischen, bis nur noch ein Fleck zwischen deinen Schultern übrig bleibt. Dein Schritt ist gemäßigt. Du zeigst keine Panik. Deine Handflächen sind trocken. Du hebst den Kopf zum Himmel.

Die Wetterverhältnisse hängen von der Jahreszeit ab. Nehmen wir folgende Situation an: Bewölkt. Wahrscheinlichkeit von Niederschlägen 77%. Temperatur 18°C. Ostwind. Von dem Augenblick an, als du das Hotel verlassen hast, hast du den Eingang zur U-Bahn-Station im Blick. Es bleiben dir noch wenige Meter bis zur Rolltreppe, die dich in das Erdinnere führt.

Wiederhole wie das Einmaleins jeden Teil des Plans, den du vor hast auszuführen. Nur so wirst du die Aufgabe erfolgreich durchführen.

Dein Gesichtsausdruck ist todernst. Kalt.

Die Sohlen deiner Schuhe hallen auf dem Betonboden des Bahnsteigs wider. Der U-Bahnzug, der dich zum Flughafen bringen wird, läuft ein.

Du steigst in den Wagen.

Du bemühst dich, unauffällig zu bleiben.

Bevor du in den Zug steigst, weht dir der Geruch von Verbranntem, von Schnaps und einem verdreckten Container in die Nase. Du kannst seine Quelle nicht bestimmen. Du atmest tief ein. Der Geruch ist so leicht wieder zu erkennen, dass du bereits immun gegen ihn bist. Du ignorierst ihn.

In einem U-Bahnwagen KANNST DU NIE weit weg von anderen sein. Du hast deinen Platz wohlerzogen eingenommen. Dein Revier markiert. Du kannst es nicht erobern, aber du kannst es markieren. Dein Körper ist angespannt. Du sitzt mit erhobenem Kopf und geradem Rücken. Deine Beine sind leicht auseinander gestellt. Die Hände in den Schoß gelegt. Arm- und Beinbewegungen sollen möglichst neutral sein. Die Tasche hältst du im Schoß. Allen zur Ansicht. Der Inhalt der Tasche ist wichtig, damit die Performance erfolgreich ist. Obwohl du weißt, dass sie schon längst zum Misserfolg verurteilt ist. Du bist so gekleidet, wie du sonst nicht gekleidet wärst. Schwarzer Anzug, weißes Hemd, schwarze Krawatte. Schwarze Schuhe. In diesem Augenblick sind fünfunddreißig Prozent der Männer und fünf Prozent der Frauen so gekleidet wie du.

Das reicht für einen erfolgreichen Anfang.

Du nimmst einen Papierstreifen aus der Tasche, auf dem du mit schwarzem Filzstift HERAKLES’ SOHN3 geschrieben hast, und klebst es dir mit einem Klebeband um das linke Handgelenk.

Darin bist du allein. So ist der Plan.

Bei der Rückkehr.

Der Geruch, den vielleicht nur du wahrnimmst, ist auch weiterhin in deiner Nase. Du kannst seine Quelle nicht bestimmen. Müsstest du ihn beschreiben, würdest du sagen, er erinnert dich an den Geruch von Ostwind, doch ist der Geruch, den du spürst, konkreter als der Wind.

Du bist die Quelle.

Deine Kleidung dunstet all das aus, was du zu verstecken suchst. Deine

Haut provoziert absichtlich mit ihrem Geruch. Du hebst den Arm, senkst den Kopf und riechst an der Achselhöhle. Abhängig von der Art der Nervosität wird dich der Duft an ein fernes Angstgefühl erinnern, an die Ideologie, zu der du zurückkehrst, an den Geruch eines anderen Mannes. An eine Mischung aus allem Erwähnten.

Damit hattest du nicht gerechnet.

Du senkst den Arm. Du beobachtest die Situation um dich herum.

Bei jeder Rückkehr versuchst du zu verbergen, wohin du zurückkehrst. So initiiert deine Rückkehr eine Frage.

Lohnt sich das Verbergen?

Du hast dich vorbereitet. Du nimmst ein Stück weißes Papier, schreibst den Namen der Stadt darauf, in die du reist, und zeigst ihn den Fahrgästen im Waggon. Du wartest auf eine Reaktion der Fahrgäste. Die Tatsache, dass die Mehrheit nicht weiß, wo diese Stadt liegt, beunruhigt dich nicht. Jene, die es wissen, werden aus dem Fenster starren und sich nach Kräften weiszumachen versuchen, dass sie es vergessen haben. Du fragst dich, ob sie Angst empfinden.

Während sie die Silben herumschieben oder den Namen der Stadt im Kopf verdrehen, denken sie, du bist:

a) verrückt

b) ein Ausländer

c) hast dich verlaufen d) ein Terrorist

e) ein Kommunist f) ein Nationalist g) ein Schwarzer

h) ein Homosexueller i) alles zusammen.

Dann öffnest du die Tasche, langsam, so dass die Angst den ganzen Autismus zeigt, von dem sie voll sind, dann nimmst du langsam Pass, Flugticket und die 20 Euro heraus und legst alles nachlässig auf den Boden des Waggons, so dass es alle sehen. Du riskierst, alles zu verlieren, für das System, das für die Lösung von Problemen verantwortlich ist. Ein System, das Probleme wie einen verlorenen Pass, ein verlorenes Ticket oder Geld löst, hat keine eigenen Probleme. Du bist das Problem des Systems. Deine Geste ist der Versuch, ihnen Arbeit zu machen. Die Kameras im Wagen haben dich schon aufgezeichnet. Im System ist schon das Alarmzeichen gegeben worden. Es ist noch nichts geschehen, aber deine Intention, dein Vorhaben, wurde schon erkannt. Du initiierst ein Problem, obwohl du niemanden bedrohst. Es wird jedoch nichts unternommen werden, bevor nicht einer der Fahrgäste einen Satz macht und dir Geld, Pass und Ticket wegnimmt. Aber zu so etwas ist in diesem Augenblick niemand bereit. Keiner traut sich. Sie wollen nicht vom System als Problem angesehen werden. Jeder der gut fünfzig Fahrgäste hat sich einen eigenen Punkt ausgesucht, auf den er unablässig starrt. Aber der Punkt bis t nicht du.

Sie ignorieren dich.

Du hast dich vorbereitet. Du weißt, in welcher Station du den Waggon verlassen musst. Du hebst Pass, Flugticket und die 20 Euro vom Boden auf und steckst sie in die Tasche. Du stehst auf. Glättest die Hose mit den Händen. Du drehst den Streifen um den linken Arm so hin, dass die Buchstaben sichtbar sind. Du rückst dir die Krawatte zurecht. Du nimmst die Brille ab, drückst mit den Fingern auf die Augen. Du setzt dich wieder. Löst die Schuhbänder und bindest sie wieder. Zuerst das linke, dann das rechte. Dann stehst du wieder auf. Wenn deine Schultern entspannt sind, richte sie gerade. Dreh dich um zum Fenster. Sieh sicher in die Dunkelheit, als wüsstest du, wo du bist. Vielleicht denken sie für einen Augenblick, dass das alles ein Spiel sei, das bald zu Ende ist, worauf sie einander applaudieren werden als Belohnung für das Mitwirken. So wie die Garnitur langsamer wird, so wird auch das Spiegelbild im Wagenfenster dir wieder ähnlicher. Du nimmst die Tasche, verlässt deinen Platz und gehst zum Ausgang.

Rechtzeitig drückst du den Knopf zum Öffnen der Tür. Deine Geduld wächst mit dem langsamer Werden des Zugs. Du könntest stundenlang auf das Aussteigen warten. Für dich ist das kein Problem. Stundenlang zu warten, ist die übliche Praxis, wenn man etwas will, oder wenn Pläne bestehen, etwas zu erreichen.

Um das rechte Handgelenk trägst du eine Uhr.4

Du siehst auf die Uhr. Die Fahrt zum Flughafen hat etwa vierzig Minuten gedauert. Sieben Minuten länger, als du geschätzt hast. Du steigst aus der U-Bahn. Die Tür hinter dir schließt sich. Du gehst zu der Rolltreppe, über der das Zeichen „Ausgang zum Flughafengebäude“ steht. Wie beiläufig holst du den Lageplan aus der Tasche.5

Das Flughafengebäude ist in drei Ebenen geteilt. Der Lageplan unterscheidet sich in gar nichts von einem Fabrikkomplex. Er erinnert an ein gestutztes H. Der Terminal A nimmt die gesamte erste Etage ein und dient als Ankunftsterminal. Neben den Räumlichkeiten für die Ankunft und den Empfang von Passagieren stehen noch mehrere Cafés, ein Informationspult und ein Verkaufsstand zur Verfügung, letzterer auf der Karte mit einem kleinen Buch-, Pfeifen- und Geschenksymbol gekennzeichnet. Auf der Karte, die du in Händen hältst, ist mitten im Zentrum des Terminals A der VIP-Salon untergebracht, gekennzeichnet durch das Symbol eines Mannes, der leger mit gekreuzten Beinen dasitzt, während die Buchstaben VIP über seinem Kopf schweben. Ein zusätzlicher VIP-Salon befindet sich in der zweiten Etage des Gebäudes, doch ist vermerkt, dass man ihn nur betreten darf, wenn es auf dem Ticket des Passagiers so angegeben ist. Du betrittst den Terminal A im Erdgeschoss. Der Lageplan führt dich geradewegs in das Zentrum des größten Gedränges. Der Terminal A im Erdgeschoss ist der Ort des Abflugs. Du tauchst direkt in das unbeschreibliche Gewühl und Gedränge ein. Das ist der Ort, von dem aus die Menschen abfliegen. Die Nervosität des Terminals A beeinflusst deine vitalen Körperfunktionen.

Kopfschmerz ist eines der Symptome. Schweißattacken ein anderes. Schmerzen im Brustkorb ein drittes.

Du ignorierst die Symptome. Du versuchst den Plan deiner Bewegungen zu organisieren. Du bist kein Passagier wie die anderen. Deine Aufgabe ist es nicht nur zu verreisen.

Pass auf, dass dich der organisierte Mechanismus, mit dem die Dinge um dich herum geschehen, nicht mitreißt. Vergiss nicht, dass du einen Plan hast. Einen Plan, den du bist zum Ende durchführen musst.

Du konsultierst den Lageplan, den du in der Hand hältst. Die Ausgänge 01 bis 15 sind für Terminal A reserviert.

Die Farben auf dem Grundriss weisen die Richtungen, in die du zu gehen

hast. Von kalt nach warm. Von dunkelblau nach orange.

Neben den beiden Hauptterminals A gibt es noch die Terminals B, C und D.

Jeder von ihnen stellt Terminal A im Kleinen dar, mit all der notwendigen Infrastruktur. Sie dienen Abflügen, bei denen es selten Gedränge gibt und wo Angebot und Nachfrage mit ihrer Dynamik nicht die Ambition haben, großen wirtschaftlichen Gewinn zu erbringen. Die Terminals B, C und D besitzen keine VIP-Salons. Auf dem Lageplan is t die hierarchische Pyramidenstruktur, die sich in der äußeren Form des Gebäudes zeigt, unmöglich zu erkennen. Der Raum verbirgt seine unzugänglichen Orte korrekt. Für dich sind sie hier auch nicht notwendig. Ganz im Gegenteil. Die Möglichkeit, dich einer größeren Anzahl Menschen zu nähern, kommt dir entgegen.

Nachdem es dir gelungen ist, den Punkt zu finden, an dem du dich befindest, nimmst du den Gang nach rechts.

Der Weg bis zu der Stelle, wo du den Check in erledigst, ist mit glänzenden Marmorplatten ausgelegt, die täglich in den Nachtstunden poliert werden. Die Frauen, die die Marmorplatten polieren, schweigen hauptsächlich. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie deutscher Volkszugehörigkeit sind, ist geringer als zehn Prozent. Genauso wie die Frau, die an dem kleinen netten Tresen arbeitet, an dem man Kaffee bekommt. Genauso wie die Frau, die die Abfallcontainer den Gang hinunter schiebt. Sie sind ideal als Argument, wenn du deine Theorie von der kapitalistischen Ausbeutung billiger Arbeitskraft ausführst, aber würdest du sie auch nur ein wenig respektieren, würdest du sie nie wieder als Argument benutzen. Lass sie in Ruhe arbeiten. Dafür brauchen sie keine Sprache. Ebenso wenig wie du. Das, was du sagst, ist unwesentlich. Es versteht dich ohnehin keiner. Der Inhalt deiner Tasche ist das Einzige, was dir geblieben ist. Du besitzt nichts mehr, aber du bemühst dich, den Anschein eines gleichberechtigten Weltbürgers aufrecht zu halten.

Vergiss nicht, die Regeln, nach denen das System, das dich umgibt, eingerichtet ist, sind legitim bis zum letzten Punkt der Verfassung.

Es braucht nur sehr wenig, um die Regel zu verletzen. Bewusst oder unbewusst. Sei vorsichtig.

Du gehst den Gang hinunter und siehst weder Anfang noch Ende. Das Gedränge ist mäßig. Die Wahrscheinlichkeit von Niederschlag hat in Anbetracht des grauen Himmels zugenommen. Im Kopf stellst du dir eine Kurve des eigenen Reisefiebers vor. Wenn du sie mit der Nervositätskurve beim Warten im Zahnarztwartezimmer vergleichst, steigt sie drastisch an. Sie sprengt den Rahmen.

Du gehst zum Check in. Siehst auf die Uhr. Das Passieren des Korridors hat dir zehn Minuten von der Performance genommen. Was im Tegel-Führer steht, ist gelogen. Der hexagonal angeordnete Raum erspart keine Zeit. Drei von zehn Schaltern sind besetzt. Am Schalter vier und fünf sitzen Frauen. Am Schalter sechs sitzt ein Mann. Aus der Entfernung sieht er jung und hübsch aus. Wegen des großen Ansturms stellst du dich beim Schalter Nummer sechs an. Wegen der Notwendigkeit der Performance. Nicht wegen eigener Affinitäten.

Vor dir sind sieben, zehn, zwölf Leute. Während du hinten stehst, siehst du ihnen auf den Hinterkopf: Du versuchst ähnliche Züge bei ihnen zu finden und anhand ihrer Kopfform ihren Zielort zu bestimmen.

Irgendein Zusatzmerkmal, durch das sie sich vom Rest der optimistischen Welt unterscheiden, wird dir die Arbeit erleichtern. Immerhin deuten Schuppen und fettiges Haar nicht mehr auf Sozialismus mit menschlichem Gesicht als einziger Quelle hin. Die Dinge sind in der Zwischenzeit durcheinander geraten. Der Kapitalismus muss seine Symptome haben.6

Am Schalter sitzt ein junger Mann mit einem Lächeln. Es ist schwer, sein Alter zu schätzen. Die Zähne vollständig. Das ist die Bedingung, mit der sie ihn eingestellt haben. Sein Entgegenkommen ist entgegengesetzt proportional deinem Unwertgefühl, während du ihm den Pass und das Ticket reichst, im Wissen, dass er nicht im Stande ist, deinen Namen so zu lesen und auszusprechen, wie es sein sollte. Du kannst ihn bitten, das zu tun, um dich zu vergewissern. Du könntest ihn in eine Lage versetzen, die so unangenehm wäre, dass er das Bedürfnis verspürte, dich in den hinteren Teil des Flugzeugs zu setzen. Der Moment der Entscheidung. Willst du so viel riskieren und von ihm verlangen, dass er deinen Namen laut liest?

Das Risiko tragen, das so eine Improvisation in sich birgt? Nein.

Die ganze Zeit über, in der er sich mit deinen Papieren beschäftigt, weicht das Lächeln nicht aus seinem Gesicht. Sein Lächeln ist das Zeichen einer überlegten Berufsethik. Du wirst ermutigt, dich gleichberechtigt zu fühlen, obwohl er deinen Namen nicht aussprechen kann. Oder ihn so aussprechen kann, dass du ihn nicht mehr als deinen wieder erkennst. So, dass das nicht mehr du bist. Sein Lächeln lässt dich dich noch mutiger fühlen, als er glaubt, dass du im Stande wärst, und so holst du noch einen Papierstreifen mit der Aufschrift HERCULES SON aus der Tasche und überreichst ihn ihm als Zeichen der Aufmerksamkeit. Er sieht dich an. Nimmt das Papier mit der Aufschrift, liest es, dann sieht er dich erneut an. Du lenkst seine Aufmerksamkeit auf deinen linken Ärmel und sagst in vornehmem Englisch:

If you think on “conception of ethics as the ethics of other, or the ethics of difference”7, than put this sign around your left hand.

Zuerst sieht er dich an, dann bewegt er sich langsam vom Schalter Richtung Rückwand, wobei er den Kopf zu der Angestellten rechts neben ihm wendet und sie ansieht. Seine Geste ist ein Ruf um Hilfe. Es ist an dir, die Situation zu beruhigen. Du sagst zu ihm:

I find you to be extremely attractive . I can’t really explain why.

Allein die Tatsache, dass er versteht, was du sagst, unabhängig von dem, was du sagst, lässt dich die eigene Panik ertragen. Das Lächeln, das für einen Moment verschwunden war, kehrt auf sein Gesicht zurück. Noch immer sieht er dich als gleichberechtigt an. Nur anders. Das stört dich nicht. Du siehst ihn an und wartest, dass er etwas sagt. Irgendetwas. Nur sich erklärt. Dann sieht er an dir vorbei und sagt:

Gate D4. Next, please.

Eins zu Null für den attraktiven Mann am Schalter.

Du machst zwei Schritte nach rechts. Du siehst auf die Uhr. Das Schlangestehen hat dich zwischen sieben und fünfzehn Minuten gekostet.

Keine Panik. Die Zeit ist eine Kategorie, die du an dich angepasst hast. Je nach Bedarf kannst du sie verlangsamen oder beschleunigen. Die Geschwindigkeit der Sekundenschläge bestimmen. Nachdem bei deiner Performance kein bestimmter Augenblick entscheidend ist, werden die Sekunden nicht bis zu einer entscheidenden festgelegten Zeit abgezählt. Alles kann für immer abgesagt werden. Du kannst einfach durchgehen und diesen Ort verlassen, als wärst du nie hier gewesen. Und die Menschen, an denen du vorbeigehst, werden nie erfahren, wie viel Glück sie eigentlich hatten. Die Begegnung mit dir ist ein böses Omen auf der Geburtsurkunde. Aber die Korridore, die du passierst, sind zu breit, als dass man das Unvermeidbare absagen könnte.

Du benötigst für die Performance einen idealen Zeitpunkt, einen morbide friedlichen Zeitgeist, die fertig gefügte Konstruktion der Welt.

Du hast Zeit. Du trittst in dem Augenblick auf, wenn das allseits bekannte Allegro ma non tanto, das zischend wie Gas aus den Lautsprechern in der Decke kommt, alle ringsum eingeschläfert hat. Niemand weiß, dass genau dieses Allegro ma non tanto in ihren Hörkanal eindringen und dort auf ewig bleiben wird.

Du siehst auf den Plan. Jede Abweichung von der Hauptschlagader des Flughafenverkehrs scheint der ideale Ort für fünfzehn Minuten Ruhm mit seiner von der Grenze der Ostfront getragenen Melancholie zu sein.

Der nächste Punkt ist der Ort, an dem der Inhalt deiner Tasche untersucht wird.

Der Inhalt deiner Tasche gefährdet niemanden. Ein Foto von Heiner Müller8, ausgeschnitten aus einer Zeitung zusammen mit einem ungezeichneten Kommentar.9 Mehrere Blatt Papier. Ein schwarzer Filzstift. Klebeband. Das Heft mit Notizen, die du nie verwenden wirst. Der Flughafenplan von Tegel. Ein Pornoheft auf Deutsch. Ein Brief an Heiner Müller, Maschinen geschrieben. Ein Buch A Heiner Müller Reader, übersetzt und herausgegeben von Carl Weber, mit einem Vorwort von Tony Kushner. Ein Mont Blanc-Füllhalter von ausgesprochen sentimentalem Wert. Ein Pass. Ein Flugticket. 20 Euro.

Du gehst den Korridor weiter zu dem Ort, an dem das Gepäck untersucht wird. Unterwegs hältst du beim Zeitungskiosk an und fragst im besten Deutsch, das du zusammenbringst.

Du sagst:

Ich hätte gern „Die Zeit“, bitte.

Die Phrase ist kurz genug, um sie fehlerlos hervorzubringen. Obwohl du weder Deutsch lesen kannst noch mehr als den Titel der Zeitung verstehst, die du kaufst, hast du die Phrase fehlerfrei einstudiert. Die Frau, die die Zeitungen verkauft und den Gesichtszügen und der Farbe nach zu urteilen wahrscheinlich eine Türkin ist, schenkt der Fehlerlosigkeit deines Deutsch überhaupt keine Beachtung. Zum Zeichen des Verstehens nickst du leicht mit dem Kopf. Sie akzeptiert deine Geste und lächelt.

Du faltest die Zeitung zusammen und setzt ruhig deinen Weg zum Ausgang D4 fort. Du bleibst stehen, setzt die Tasche ab und suchst Ausgang D4 auf dem Plan. Zuerst kannst du ihn nicht finden. Dann siehst du eine kleine Abzweigung, gekennzeichnet mit der Chiffre D4.

Der Ausgang D4 befindet sich genau am Ende des Flughafenkomplexes.

Weit hinter allen Duty-free-Geschäften, Cafés, Toiletten. Die Ausgänge sind nach den Weltgegenden angeordnet, in die man reist. Du hast deinen kaum gefunden. Bis du ankommst, brauchst du gute zehn Minuten.10 So viel weniger Zeit wirst du haben, um den Brief zu lesen, falls in der Zwischenzeit nichts Unerwartetes eintritt, mit dem du nicht gerechnet hast.

Vor Ausgang D4 musst du durch die Gepäckkontrolle. Vor dir steht eine Schlange. Es dauert ein paar Minuten, bis sie die drei, fünf, zehn Leute vor dir durchsucht haben. Du empfindest keine Panik. Kurze Zeit noch, und du betrittst den Ort der Performance.

Du stellst die Tasche auf das Förderband. Du passierst den Metalldetektor.

Alles ist in Ordnung.

Fürs Erste ist alles in Ordnung.

Trotzdem hätten sie dich anhalten, das Pornoheft herausholen und dich fragen können, ob es für den persönlichen Gebrauch sei. Oder einen ähnlichen Blödsinn.


Das weitere Konzept der Performance hängt von deiner Antwort ab. Achte darauf, was du zu ihnen sagen wirst. Du kannst sagen:

– das Objekt besitze großen künstlerischen Wert.

– was seinen künstlerischen Wert ausmache, sei deine persönliche Affinität zum Konzept des Körperlichen, und du würdest ohnehin das kapitalistische System der materiellen Wertschöpfung mit Rücksicht auf den geschichtlich-künstlerischen Kontext eines Gegenstandes oder seiner Marktpräsenz ablehnen.

– diese Fotosammlung sei eine Erinnerung an eine liebe Person.

– sie besitze keinerlei materiellen Wert.

– sie besitze keinerlei sentimentalen Wert.

– ja, sie sei für den persönlichen Gebrauch.

– oder einfach, diese Fotosammlung sei Teil der Performance, die du gerade ausführst.

Sie lassen dich durch. Du nimmst deine Sachen vom Förderband. Du folgst den Leuten, die vor dir durch den Metalldetektor gegangen sind, und gehst zur Passkontrolle. Der Mann hinter dem Glas streckt seine Hand durch eine kleine Öffnung. Du gibst ihm deinen Pass. Er schlägt ihn auf, sieht auf das Geltungsdatum, dann auf dein Foto, dann sieht er dich an. Du siehst ihn an, dann drehst du ihm das linke, anschließend das rechte Profil zu. Er nimmt den Stempel und drückt ihn auf die erste freie Seite. Du bist abgefertigt. Jetzt hast du das Datum der Ein- und Ausreise. Die fünf Tage, die du in ihrem Land verbracht hast, warst du ein VORBILDLICHER GAST guter Ausländer ausländischer Freund anerkannter Künstler Gastarbeiter Arbeiter.

Das einzige, was du noch zu tun hast, ist, den Brief zu verlesen.

Nachdem dir der junge Grenzpolizist deinen Pass zurückgegeben hat, überschreitest du die gelbe Linie und betrittst die zollfreie Zone. Die Architektur dieses Teils des Flughafens unterscheidet sich nicht wesentlich vom Rest des Flughafenkomplexes. Zubauten, falls es sie gegeben hat, wurden im Einklang mit dem ursprünglichen Bauplan ausgeführt. Funktionalität und Annehmlichkeit vor Schönheit und Ästhetik. Aus den Lautsprechern hörst du Musik. Du bleibst stehen. Horchst. Es ist nicht das Allegro ma non tanto, das du erwartet hast. Barock. Vielleicht Bachsonaten für Violine und Cembalo.11 Du kennst die Kultur, die du verlässt, gut. Vor 288 Jahren gab es nichts von all dem hier. Du trittst an die großen Fenster, die auf die Brachäcker hinausgehen, die die Stadt vom Flughafen trennen. Du drehst dich um.


Siehst um dich. Kein zollfreier Luxus, wie du erwartet hast. Ein Miniaturladen mit Alkohol. Ein Parfümladen. Im einen wie im anderen Fall Alkohol.

Du gehst durch den Korridor zum Ausgang D4. Er ist leer. Alle Türen und Ausgänge sehen undurchdringlich aus. Auf allen das Zeichen Zutritt verboten. Du kommst zum Ausgang D4.

Als du den Warteraum betrittst, vermisst du sorgfältig den Raum. Du versuchst abzuschätzen, welches Potenzial für die Performance er bietet.

Der Raum ist groß. Die Dachkonstruktion offen. Die Stärke der Säulen macht das komplexe System der Lastübertragung anschaulich. Alle Last ruht auf ihnen. Sollte eine nachgeben, bricht die Konstruktion unweigerlich zusammen. Wie das Gewölbe einer gotischen Kathedrale. Wo der Säulendurchmesser am größten ist, sind Sitzbänke montiert. Abfallbehälter an der Wand. Gleich beim Betreten misst du Länge und Breite des Raumes mit Schritten ab. Achtzig Schritt in der Länge und achtundvierzig Schritt in der Breite. Fast ein Fußballfeld. Du schreitest es direkt an der Wand ab. Die Fenster sind groß und belichten den Raum gleichmäßig. Du spürst, wie der Boden unter deinen Füßen aufbricht. Allmählich fügt er sich deinem Schreiten. Du brichst ihn nach allen Achsen und Richtungen hin auf. Noch nie hat ihn jemand so genutzt. Wenn du in langsamem Schreiten seine Achsen aufbrichst, unterläufst du seine Funktion. Hier gehen die Menschen entweder durch oder sitzen und lesen. Oder sitzen nur.

Du versuchst die beste Stelle zu finden: eine, von der du den gesamten Raum mit dem Blick erfassen kannst. Unmöglich. Irgendwer wird immer von einer Säule verdeckt sein. Ihn kannst du ignorieren. Ihn und seine Funktion streichen.

Fasse die Situation ins Auge und beschreibe sie. Zum Beispiel.

Zweiunddreißig Personen. Davon sechsundzwanzig sitzend, während sechs stehen. Altersstruktur: über fünfunddreißig. Achtzehn Frauen, neun Männer und fünf Kinder. Der Abwesenheit, Müdigkeit und dem kaum sichtbaren Schleier des Desinteresses nach zu urteilen, der ihre Gesichter bedeckt, nimmst du an, dass ihr Ziel deinem ähnlich ist. Dass ihr wahrscheinlich die Sprache teil t. Dass euch das gleiche Desinteresse für andere Menschen eint. Dass ihr euch eher als politische Objekte fühlt denn als Subjekte. Aber das sind schon komplexe Konstruktionen, die leicht zu Gemeinplätzen der Zeit werden können, der du angehörst. Enthalte dich aller Gemeinplätze. Nimm eine Position ein, verschanze dich in eine Ecke des Raums, den du bald verlassen wirst. Sieh auf die Uhr. Versuche abzuschätzen, wie viel Zeit dir noch geblieben ist. Nimm das Foto von Heiner Müller aus der Tasche. Stelle es so ans Fenster, dass es auf die Brachäcker hinaussieht, die den Flughafen von der Stadt trennen. Nimm den Brief aus der Tasche, falte ihn auf und sieh auf die Uhr. Jetzt ist es völlig einerlei, wie viel Zeit noch geblieben ist bis zu dem Augenblick, wenn die synthetische Frauenstimme durch die Lautsprecher zum Einsteigen aufruft. Dein endgültiges Verlassen dieses Ortes ist unaufschiebbar.

Achte nicht auf die Zeit, die dir noch geblieben ist.12

Beginne zu lesen.

Lies.


Lieber Heiner,


dies wird kein Liebesbrief. Beziehungsweise, es wird nur deshalb ein Liebesbrief, weil ich weiß, dass du ihn nie beantworten wirst. Es wird auch kein Freundschaftsbrief sein. Denn außer deinen Texten und einigen Fotos besitze ich nichts, was uns in einer intimeren Beziehung verbinden würde. Dieser Brief wird auch kein Brief mit klarer politischer Absicht. Er wird aus Sätzen bestehen wie diesem:

Es gibt Nachmittage, an denen mir der geringste Gedanke an jemand anderen so tragisch erscheint, dass ich mich am liebsten übergeben würde und es mir dann peinlich ist.

Und das ist die einzige Warnung, die ich dir geben kann.

Da bin ich, neben einem Fenster in einem Zimmer, das sich in einem dieser Mammutblocks sozialistischer Hotellerie befinden könnte, wie sie nie mehr gebaut werden, und in dem du vielleicht früher mal abgestiegen bist, und ich sehe die Eintönigkeit eines Ortes, der gern ein verlassener Arbeiterbezirk oder ein Lager sein könnte, und weiter, durch die Wüste, die sich eröffnet hin zum Ende der Erde, sehe ich das Ende der Welt selbst, das jedwedes Ende der Welt sein könnte, gleich wo. Und ich kann nicht aufhören, diese Grenze anzusehen, hinter der eine neue Welt sein könnte – oder nichts. Und ich halte mich für einige Zeit an diesem Ort auf, und dann – nur eine kleine Bewegung – bin ich schon wieder am Anfang, in einer schäbigen, verlassenen Gasse gleich unter dem Hotelfenster, das überhaupt keine Funktion mehr hat außer einem Jungen zu dienen, der hartnäckig versucht das Gleichgewicht auf einem Einrad zu halten. Den Jungen, der es nicht schafft das Gleichgewicht zu halten und ständig stürzt, bringt die Wut dazu, den Kopf zu erheben und mich zu sehen, wie ich am Fenster stehe, ihn beobachte und mir denke: was für ein Idiot. Und während er mich ansieht, wird sein Gesicht offenkundig älter, jeder Wimpernschlag lässt ihn älter werden, als wollte es mir beweisen, dass ich alles, was ich sehe, falsch sehe.

Mit Rücksicht darauf, dass ich dir noch immer glaube, lieber H, sag, wie ist das möglich?

Und dann wieder, vielleicht sind die Sachen gar nicht so, wie sie von diesem Ort aus zu sein scheinen, zu dieser Tageszeit, zu dieser Stunde, so geschmückt mit Unbestimmtheit, Erwartung und Reisefieber. Vielleicht habe ich mir alles eingebildet. Vielleicht gibt es gar nichts, vielleicht hat mich der Wunsch, dir etwas Zusammenhängendes zu schreiben, dermaßen eingenommen, dass ich nicht mehr im Stande bin, Realität von Erdachtem zu trennen, das Mögliche vom Ersehnten, aber du wirst das verstehen, diese meine Neigung zu phantasieren in Anbetracht der endlosen Stille, die mich umgibt. In Anbetracht der sechzehnten Etage, von der aus der Blick überhaupt keinen Sinn mehr macht.

Vielleicht habe ich alles erfunden. Alles.

Sogar den Fehler in der Performance von vor sieben Tagen, am zweiten Tag meines Aufenthaltes hier. Ich ging mit dem Gefühl durch die leeren Straßen, in dieser Stadt schon früher einmal gelebt zu haben. Bei jemandem zu Besuch. Jemandem Freude gemacht zu haben. Das Gefühl, es früher einmal womöglich geschafft zu haben, die Gesetze von Raum und Zeit zu überwinden, und mir dessen erst dann bewusst geworden zu sein, als ich zum ersten Mal durch die Straßen ging; dieses Gefühl wird so fern und fremd in dem Augenblick, in dem ich versuche, es jemandem zu beschreiben. Denn es gibt keine Methode, die richtige Technik zu wählen, unter allen bestehenden Medien eines auszuwählen und alles zu erklären, als wäre ich von Sechsjährigen umgeben.

Die Angst, es nicht erklären zu können, führte zu einem räumlichen und logischen Fehler.

Ich saß fast eine ganze Stunde in dem Vorlesungssaal und wartete auf das Eintreffen der anderen Teilnehmer. Ohne einen Augenblick daran zu zweifeln, mich im richtigen Saal zu befinden. Allein in einem beleuchteten Saal mit dunkelblauen Wänden. Der einzige verirrte Autor. Darauf wartend, dass sie erscheinen. Niemand kam. Außer einer Raumpflegerin, die nach fast einer Stunde in den Saal kam, mich ansah und mir in der Sprache, die wir in diesem Moment beide verstanden, sagte, dass sich die Autoren in der Etage darüber versammelt hätten. Es stand falsch im Programm. Die Anweisungen, die sie mir gab, verstand ich nur zur Hälfte. So seltsam war es für mich, die eigene Sprache zu hören.

Ich nahm meine Sachen und ging hinaus. An diesem Tag kehrte ich nicht mehr zurück. Das Gefühl des logischen Fehlers war stärker als das Gefühl der Verantwortung. Ich redete mich auf eine Schwäche aus, die mich überkommen habe. Nach Misanthropie ist sie das häufigste Symptom bei Autoren.

Es gab keine Probleme. Bei Leuten wie mir toleriert man alles. Nichts musste ich allein tun. Sie taten alles für mich. Ich habe hier und dort mit dem Kopf genickt zum Zeichen des Gutheißens und Verstehens. Das wurde von mir auch erwartet. Genau genommen nichts. Dachte ich. So muss ein endloser Tag aussehen. So muss ein Leben aussehen, das sich der Kontrolle entzogen hat. In nächsten Augenblick begriff ich, dass sie alles glaubten, was ich sage. Da bin ich erschrocken und dachte, es wäre besser aufzuhören, vom freien Willen zu sprechen.

Von einer Handlungsmotivation. Von Unbehagen bei einem Text.

Von Subversion als der einzig möglichen Wahrheit.

Von der Sprache. Es reichte aus, mit dem Kopf zu nicken und zu lächeln.

Nein, ich musste nicht einmal lächeln. Alle Aufmerksamkeit, die ich brauchte, war mir längst zuteil geworden. Alles, was ich noch tun kann, ist die Zeit zu nutzen, die mir geblieben ist.

Ich sehe auf die Uhr. Nichts kann mir garantieren, dass die Zeit, die meine

Uhr zeigt, gerade die Zeit ist, die ich brauche.

Ich stehe am Fenster, ignoriere alles, was mir in diesem Augenblick zuteil wird, und stelle mir ein Szenario13 vor, das ich realisieren könnte, wenn ich wegen meiner Taten und Wünsche Scham empfände. Doch Scham empfinde ich schon seit langem nicht mehr. Ich empfinde die Legitimität jeder meiner Schwächen. Jeder Hingabe an den Genuss.14

Morgen reise ich ohnehin ab.

Wieder ertönen die Glocken der protestantischen Kirche. Und das Hupen ferner Autos. In der Zwischenzeit sind vielleicht sogar mehrere Tage vergangen. Wie könnte ich das nachprüfen?

Manchmal scheint es mir, als würde sich mein Körper von der Realität trennen, so wie mich die Worte von der Wahrheit trennen. Deshalb habe ich beschlossen, zu schweigen und zu arbeiten. Ich habe mir die Aufgabe gesetzt, jeden Tag mindestens 300 Sit-Ups und 100 Liegestütze zu machen. In beiden Fällen handelt es sich um ein sich der Gravitation Widersetzen. So gedeutet, sieht es kein bisschen banal und überhaupt nicht schwer aus, gesäubert von gleich welcher Ideologie. Doch in dem Augenblick, in dem ich mich systematisch zu widersetzen beginne, in vier Serien zu je fünfundzwanzig, ist der Augenblick gekommen, in dem alles andere außer der Gravitation zu existieren aufhört. Die Gravitation wird zur Fundamentalkraft meiner Existenz. Ich stelle mir ihre Farbe vor. Ihren Geruch. Ich versuche mir vorzustellen, was sie meinem Körper antun wird. Was die Folgen dieser gewaltsamen Vereinigung mit etwas sein werden, das so unausweichlich ist wie der Tod. Am Anfang weist der Körper so viel Aufmerksamkeit zurück. Die Muskeln verkrampfen. Die Gelenke knacken bei jedem Aufstützen. Nichts ist mehr fest genug als Stütze. Und gerade als ich beginne, mich zu verlieren, begreife ich, dass ich die Serie von fünfundzwanzig abgearbeitet habe und aufhören darf. Ich lasse den Körper auf dem Boden liegen und spüre, wie er zu heroischer Größe zu wachsen beginnt. Mein Körper wird zu meinem unbeschreiblichen Körper.

Ich versuche ihn größer zu machen als alle Worte. Anziehender als das Pornografische. Glaubwürdiger als gleich welchen toten Heldenkörper. Lieber H, du weißt niemand von uns kann etwas tun, was seine Kraft übersteigt, denn wir gehörten seit jeher zur schwächeren Gattung.15

Zu den schwächeren Gliedern der Gesellschaft. Zur schwachen politischen Überzeugung.

Zu den schwachen ethischen Ansichten. Zur schwachen Nation.

Zum schwachen Teil des wiedervereinigten Volkes.

Zu den schwachen Ambitionen. Ohne den Wunsch, zu besitzen. Ohne den Wunsch, zu entscheiden. Ohne den Wunsch, zu verwalten. Wenn mein Körper verschwindet, bleibt nur die Schwäche. Deshalb muss man immer die Anzahl erhöhen.

Dreihundert Liegestütze, weil ich meinem Verstand nicht traue. Dreihundertundeinen Liegestütz, weil ich an Selbstgenügsamkeit glaube. Dreihundertundzwei Liegestütze, weil ich an die eigene Kraft glaube. Dreihundertunddrei Liegestütze, weil ich vier Jahre Disziplin gebraucht habe, um bis zur Zahl dreihundert zu kommen.

Dreihundertundvier Liegestütze, weil das, was dich geschaffen hat, der Bedarf der Geschichte an Helden ist. Sollen wenigstens im Asphalt deine Spuren erhalten bleiben, du makellose Ausgeburt der Phantasie.16

Du musst kein einziges Wort glauben.

Ich höre etwas zwischen dem Rauschen von Regen und dem Flügelschlag von Schwänen. Bei jedem Mal Runtergehen spüre ich den Geruch des modrigen Teppichs.

Ich wollte dir eigentlich sagen, dass ich in dem Glauben hierher gereist bin, dass es keine Helden mehr gibt. Selbst solche nicht, die durch ihr Fahnenschwingen Lachen auslösen. Oder Bewunderung. Und dann, eines nachts, hier, in dieser Stadt, in einem Nachtklub, bin ich einem begegnet. Er stand gleich neben der WC-Tür. Vom Herren-WC. In diesem Klub gibt es nur Herren-WCs. Er sah wie der einzige übrig gebliebene Held aus.17 Auf seiner rechten Schulter, mit einem Lederriemen geschnürt, war tätowiert: Heracles’ Son. Es war dunkel. Das Gluckern des Wassers reißt an solchen Orten niemals ab. An den Wänden fließen kleine Flüsse und reißen die Reste von Angst und von Worten mit, die infolge übergroßer Dunkelheit keiner zu hören vermag. Sein nackter Muskel18 erweckte bei jeder Bewegung die auf seine Haut tätowierten Worte zum Leben. Wie in einem Wahnsinnsdelirium. Ich konnte um die Ehre kämpfen, aber ich war nüchtern, und der Boden im Klub war zu vollgepisst, als dass ich mich auf ihm hätte wälzen wollen. Ich konnte mich dumm stellen und seine Schulter wie zufällig berühren. Mich vergewissern, dass die Worte echt waren. Mein T-Shirt heben und ihm Bauch, Brust und Rücken zeigen. Vielleicht hätte uns das zu Sentimentalitäten vor dem Blutvergießen animiert. Gleichberechtigt vor dem Kampf. Ich habe nichts gemacht, und er ging mit einem halbnackten jugendlichen Halbgott beschäftigt weg.19

In der Dunkelheit scheinen Niederlagen zehnfach tragischer zu sein, aber die Begierde ist weniger tragisch. Ich wollte jeden Mann berühren, der an mir vorbei in das dunkle Zimmer ging, in dem man nicht spricht. Es war mir peinlich, dass meine Begierde zu stark wurde für meine Hände. Ich dachte: Morgen werde ich abreisen, und alles wird wieder so sein, wie es sein soll.

Lieber H, ich wollte, dass dieser sentimentale Ton eine scharfe politische Rede wird, eine Rebellion. Aber heute Morgen, als ich versucht habe, die Reste von Sperma und Schweiß von der Badewanne zu waschen, habe ich daran gedacht, dass ich es nie zu denken gewagt habe, dass ich manche Dinge hätte besser und geschickter machen können. Lauter. Stärker.

Du bist ganz zufällig erwählt, mein Adressat zu sein. Es hätte irgendwer sein können. Ich bin an einem freien Nachmittag zufällig in eine völlig leere Buchhandlung im Ostteil gekommen und habe gleich an der Tür dein Gesicht in den Händen der Verkäuferin gesehen. Ich sagte, dieses Buch möchte ich. Sie sah mich an und sagte: Müller sprach am Ende nicht mehr.20 Es war das letzte Exemplar. Das muss ein Zeichen sein.

Du hast mich herausgefordert, und jetzt antworte ich dir.

Ich stelle mir vor, dass wir miteinander ringen. In Serien von sechs Runden zu je drei Minuten, und NIE, NIE schaffst du es, mich zu besiegen. Am Ende weinst du und pfeifst durch einen Schlauch im Hals, aber ich ignoriere deine Tränen. Ich bin derjenige, der unbarmherzig ist. Seit ich dein Buch mit deinem Foto auf der Titelseite in der Tasche trage, herrsche ich über dein Schicksal, und das praktisch ohne aus dem Bett zu steigen.

Ich gebe zu. Dein Gesicht ist gottesgleich. Es gibt noch so ein Gesicht.

Das von Beckett. Aber das ist eine ganz andere Geschichte. Ich muss abreisen. Und ich empfinde weiterhin Scham.

Der Zustand vor der Reise gleicht dem Gefühl, wenn man beim Lügen ertappt wurde.21

Die Sirene einer nahe gelegenen Fabrik ist zu hören. Feierabend.

Aufgeregt bin ich zum Fenster gerannt und warte jetzt. Durch das Fabriktor kommen Männer mit starken Armen und breiten Schultern. Das Tor ist eng, und ihre Körper berühren sich. Ich sehe sie vom Fenster aus. Dies ist das Hotelzimmer mit dem herrlichsten Ausblick der Welt, denke ich. Ich würde dir gern die Schönheit dieses Anblicks beschreiben. Manchmal scheint mir, als könnten mich nur noch Helden und Mörder erregen. Darüber kann ich dir nicht allzu viel erzählen. Darüber kann man nicht sprechen. Du, der du ohne Stimme geblieben bist, wirst es verstehen. Sie gehen, als würden sie eine verlangsamte Fuge aufführen. Ihre Körper sind im leisen Kontrapunkt. Ich erwarte, dass plötzlich einer die Hand hebt und eine Parole ruft. Während sie gehen, sehe ich ihre Rücken und überlege, was einer von ihnen rufen könnte. Welchen Satz könnte es noch geben, der mit der Geste nicht seinen Sinn nicht verlöre?







1 Wer könnte an dich denken, während du im Zimmer eines Hotels liegst, das einmal die letzte Festung war, nach der die Freiheit durch das Alltagsleben bedingt war?


2 Hinsichtlich kurzfristiger persönlicher Erwartungen gibt es derzeit in Kroatien, bezogen auf das Eurobarometer 63 im Index, zwei Prozentpunkte mehr Optimisten und Pessimisten, während die Anzahl der Resignierten um drei Punkte und die der Unschlüssigen um einen Punkt zurückgegangen ist. Überdurchschnittlich groß ist die Anzahl der Optimisten nur in der Gruppe der Gymnasiasten und Studenten. Die meisten Optimisten, 40 Prozent, gibt es in Zagreb, und die wenigsten, 23 Prozent, in Slawonien. Der durchschnittliche Europäer ist nur um drei Prozent mehr Optimist als der durchschnittliche Kroate, jedoch auch um sieben Prozent weniger Pessimist. Fast die Hälfte der Durchschnittseuropäer, 49 Prozent, erwarten nicht, dass sich ihr Leben im kommenden Jahr verändert. (Eurobarometer – Untersuchung 64)

3 Seiner Söhne sind so viele, dass es mir manchmal unmöglich scheint, dass wir nicht in einer fernen Verwandtschaft, auf mythische Weise, miteinander verbunden sind, was aus mir einen Halb-halb-halb- und noch dreimal Halbgott macht, wenn wir annehmen, dass ein „halb“ etwa tausend Jahre sind. Trotz meiner dünnen Beine, den vorstehenden Beckenknochen, dem rachitischen Brustkorb, dem hohlem Gebiss und den mädchenhaft schwachen Armen.

4 Eine Swatch. Aus der Serie From Russia with Love. Anstelle der Zahl ”12" ist ein kleiner roter Stern auf dem Ziffernblatt.

Berlin International Airport in Tegel ist einer der Flughäfen von Berlin. Er liegt im Ortsteil Tegel des Berliner Bezirks Reinickendorf. Tegel wird als der

„Vielflieger-Flughafen“ bezeichnet und ist der am meisten angeflogene

Flughafen der drei, die Berlin versorgen. 2006 wurden hier 11,8 Millionen

Passagiere abgefertigt.

Mit der endgültigen Fertigstellung des Flughafens Schönefeld als Berlin Brandenburg International (BBI) ab 2011 soll Tegel geschlossen und der gesamte Berliner Flugverkehr nach Schönefeld verlegt werden.

Nach Beginn der Berliner Blockade 1948 wurde mit dem Aufbau der mit

2400 Metern damals längsten Start- und Landebahn Europas begonnen. Moderne Anlagen wurden in den 1970ern gebaut, und so ersetzte Tegel den Tempelhof International Airport als den Hauptflughafen Westberlins. Tempelhof, inmitten urbaner Stadtbezirke, war zu laut, und seine Start- und Landebahnen waren zu kurz für moderne Jumbo-Jets. Wegen des Sonderstatus von Westberlin im kalten Krieg war der Flugverkehr auf Fluglinien der Alliierten beschränkt (insbesondere Air France, Pan American World Airways und British Airways).

Der Flughafen Tegel ist gekennzeichnet durch sein hexagonales Terminalgebäude um ein offenes Rechteck, was die Entfernung von jedem Flugzeug bis zu Gepäcksabfertigung, Zoll, Taxi oder Bus auf nur 35 Meter verkürzt.


6 Hyperthymesisches Syndrom, dessen Ausbruch bisher bei zwei Menschen registriert wurde, bekam den Namen nach dem Altgriechischen Wort thymesis, was Erinnerung bedeutet. A. J. erinnert sich an jedes triviale Detail ihres Lebens, beginnend mit den frühen Jahren ihrer Teenagerzeit. Es genügt, das Datum zu sagen, und sie antwortet sofort. Fragen Sie sie, was sich am 16. August 1979 ereignet hat, so wird sie Ihnen mit Leichtigkeit antworten, dass an dem Tag Elvis Presley gestorben ist. Auf die Frage, was sich am 25. Mai 1979 ereignet hat, antwortet sie, dass an diesem Tag eine DC-10 der American Airlines über Chicago abgestürzt ist und dass dabei 275 Passagiere ums Leben gekommen sind.

Brad Williams, Radiomoderator, war nicht nur mit der Teilnahme an der Untersuchung einverstanden, sondern auch damit, dass seine Identität der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird. Während der Tests konnte Williams genau die Tage von 20 verschiedenen Ereignissen angeben, einschließlich dem aus der Eprovette gezeugten Baby im Jahre 1978, der Tragödie im indischen Bhopal 1984 sowie dem Sieg der Tennisspielerin Billy King über ihren Kollegen Bobby Riggs 1973.

Beide Fälle sind Beispiele menschlicher Kalender. Es ist nicht bekannt, wie sie diese Informationen so detailliert speichern. Außerhalb der Grenzen der USA wurde kein einziger Fall des Hyperthemysischen Syndroms festgestellt.

7 Alain Badiou: Ethics, an Essay on the Understanding of Evil, London: Verso 2002, S. 18.

8 Writer, born 1929 in Eppendorf, East Germany. Initially a journalist, he worked at the Maxim-Gorki-Theater in East Berlin (1958-9), was a playwright for the Berlin Ensemble (1970-6), and became one of its directors in 1992. A Communist, his work was influenced by Bertolt Brecht and is vigorously antifascist, humanist, and later also critical of the socialist regime in East Germany. He wrote plays together with his wife, Inge ller, and adaptations of Shakespeare and classical drama, including Philoktet (1965) and Oedipus Tyrann (1968). One of the most significant and much-performed playwrights of the 20th, he was awarded the Georg-Büchner-Preis in 1985 and the Kleist Preis in 1990.

9 Die bekannte Fotografie von Joseph Gallus Rittenberg zeigt den ostdeutschen Autor Heiner Müller, wie er sich in den Schacht über der Berliner U-Bahn hinunterlässt. Der Deckel des Schachts liegt neben der Öffnung auf den Fliesen der renovierten und neu verfliesten Station. Rechts oben zeigt der Wegweiser auf der Rolltreppe AUFWÄRTS. Links oben eine feste Berlinerin, ihr Kopf ist nicht sichtbar, sie trägt volle Tüten. Das Bild ist voll von Metaphern – Müllers eigener Zugang zum Tod, die Flucht vor der schmerzlichen Wiedervereinigung mit dem konsumorientierten Deutschland und die Verbindung mit einem Bild von Marx als revolutionärem Maulwurf und Benjamins „hilflosem Engel“, der im Untergrund verschwunden ist, gemeinsam mit der tief vergrabenen Weisheit der Massen – und harrt seiner unwahrscheinlichen Auferstehung.

10 Die Passagiere benötigen manchmal mehrere Runden, bis sie begreifen, dass sie im Kreis gehen.

11 Er hat sie für das professionelle Hofensemble von Prinz Leopold komponiert. Es existiert ein Dokument, in dem vermerkt ist, dass Bach etwa zu dieser Zeit vor 288 Jahren von Cöthen nach Berlin gereist ist. In den königlichen Büchern sind die Ausgaben für Johann Sebastian Bachs Fahrtkosten angeführt. Der Grund der Reise wird nicht genannt, aber es ist anzunehmen, dass er das neue Cembalo für den Prinzen abgeholt hat.

12 Sollten mitten beim Lesen zwei bewaffnete Männer von der Sicherheit kommen, dich an den Armen packen und so leise wie möglich aus dem Warteraum führen, wehre dich nicht dagegen, überlasse dich ihren geübten Maßnahmen, sie wissen, was sie tun. Dir kann nichts passieren. Das System ist so gemacht, dass es weiß, was es mit dir zu tun hat, ohne dir auf irgendeine Weise zu schaden. Du bekommst einen Dolmetscher. Ihn wirst du als Medium benutzen, über das du deine Performance fortsetzen kannst. Der Dolmetscher wird vielleicht eine Frau sein. Also eine Dolmetscherin. Du hast nichts dagegen. Außer es gibt persönliche Gründe, aufgrund derer du möchtest, dass der Dolmetscher ein Mann sein soll. Dann versuche, darauf zu bestehen. Gründe musst du improvisieren. Du bist das Problem, aber das System überlässt dir die Entscheidung. Du möchtest einen männlichen Dolmetscher, weil du Männern mehr vertraust. Weil Männer anziehender für dich sind. Weil es dir sinnvoller vorkommt, dass ein Mann deine Sätze sagt. Bestehe darauf. Gründe gibt es tausende. Bestehe darauf. Wenn sie dich fragen, aus welchen Gründen du dich in Berlin aufhältst, sage ihnen, du seist Gast von Heiner Müller gewesen. Vielleicht klappt es.

 13 Ich nehme den Hörer ab und wähle die Nummer der Zentrale. Die Frau am anderen Ende fragt, wie sie mir helfen könne. Ich sage ihr, dass es mir viel bedeuten würde, wenn sie beim Eintragen der Chiffre in das Programm ihres Hotelcomputers den Pornokanal im Fernseher meines Zimmers dekodieren könnte. Natürlich, mein Herr, antwortet sie, ich brauche lediglich Ihre Kreditkartennummer. Ich diktiere ihr die Nummer der Karte. Welches Zeitpaket wünschen Sie, fragt sie mich. Zeitpaket?, wiederhole ich. Ja, antwortet die Frau am anderen Ende. Hundertzwanzig Minuten. Zweihundertvierzig Minuten. Dreihundertsechzig Minuten. Hundertzwanzig. Gibt es etwas Kürzeres?, frage ich. Nein, antwortet sie. Hundertzwanzig ist das Kürzeste. Dann das, antworte ich, mir aller Konnotationen bewusst, die die Wahl einer so kurzen Zeit mit sich bringt.

14 Wie viele unstillbare Wünsche kann der Mensch eigentlich ertragen?

15 Heiner Müller rauchte ausschließlich Monte-Christo-Zigarren.

16 Ich habe über deinen Tod nachgedacht, bevor du es selbst getan hast. Denn diese gewaltige Kraft ruft Aufmerksamkeit und Neid hervor und muss einmal aufhören, sich in eine Geschichte zu verwandeln. Oder in Pornografie. Oder Ideologie.

17 Ich fuhr ins Museo Nazionale in Neapel. Im siebenten Raum in der Etage für Antike Kunst steht links vom Eingang eine vier Meter hohe Skulptur des Herakles. Er lehnt mit dem linken Arm an einem Löwenfell, das über einem

Knüppel hängt. Gut konnte ich nur seine Knie sehen. So groß wie mein Kopf.

Wenn ich in die Höhe sah, sah ich nur die Brustwarzen, die hoch aufragten. Große Marmorbrustwarzen. Müde von der Reise erschien es mir in einem Augenblick, als flösse etwas aus ihnen heraus. Etwas in der Art von Madonnentränen. Oder Milch. Doch die Brust war so hoch, dass sich der Salzgehalt nicht nachprüfen ließ. Wir waren ganz allein im Raum.

18 Intim. Veronese. Tintoretto. Dürer. Tiepolo. Carracci. All deine Körper sind ohne jedes Härchen. Außer um das Geschlechtsteil. Aber das wird nicht gerechnet. Ist das die Anpassung des Inkarnats an das Material, oder handelt es sich um heimliche Begierde, die von Generation zu Generation durch die Geschichte der europäischen Kunst weitergegeben wird wie ein nie bestätigter Mythos. Den Göttern ist die ganze Männlichkeit in den Bart gewandert. Korrigier mich, wenn ich mich irre.

 19 Man sollte sich vor seiner Aufmerksamkeit hüten. Wenn er jemandem den Kopf streichelte, so beugte sich der mögliche Tod über ihn, so stark und unbeholfen war er. Ich kann noch immer streicheln, ohne Tote zurückzulassen.

20 Kehlkopfkrebs ist die häufigste bösartige Erscheinung im Kopf- und Halsbereich.

Die Krankheit tritt häufig bei Männern mittleren und höheren Alters auf. Erhöhte Häufigkeit wird mit Rauchen und Alkoholkonsum in Verbindung gebracht, vor allem mit der Kombination dieser schädlichen Einflüsse.

Das Hauptsymptom beim Großteil der Kehlkopfkrankheiten ist Heiserkeit. Heiserkeit tritt auf, wenn das normale Vibrieren der Stimmbänder beeinträchtigt ist. Länger anhaltende und nicht aufhörende Heiserkeit könnte auf Kehlkopfkrebs hindeuten.

Patienten haben oft das Gefühl eines Fremdkörpers im Hals.

Die Diagnose erfolgt mittels Laryngoskopie und Entnahme einer Gewebeprobe.

Der Heilungserfolg hängt von der Früherkennung des Tumors und einem möglichst frühen Behandlungsbeginn ab.

Bei früherkannten Karzinomen erbringen Strahlentherapie oder operative Entfernung der befallenen Stimmbänder (Chordektomie) eine fünfjährige Überlebenschance von 85 bis 95 Prozent. Bei der Behandlung größerer Karzinome ist ein chirurgischer Eingriff die Regel. Nicht selten lässt sich die Sprechfähigkeit erhalten. Jedoch machen größere Tumore die Entfernung des Kehlkopfes zur Gänze erforderlich, was den Verlust der normalen Stimme bedeutet.

Falls es sich um ein Karzinom handelt, das in die Halslymphknoten metastasiert ist, hat die Behandlung chirurgisch zu erfolgen und erfordert die Entfernung der Lymphknoten oder die Beseitigung des gesamten subkutanen Gewebes und der Muskeln zusammen mit den Knoten bei einer radikalen Resektion.

Ein besonderes Problem bei großen Operationen stellt der Verlust der Stimme dar, was ein großes Kommunikationshindernis bedeutet.

Muss der Kehlkopf vollständig entfernt werden, kann mitunter eine so genannte tracheoösophageale Fistel angelegt werden, um das Sprechen zu verbessern. Dabei wird ein kleines Stück des Dünndarms zwischen Luft- und Speiseröhre eingesetzt. Um sprechen zu können, wird das Tracheostoma durch einen Finger abgedeckt.

Eine weitere Methode ist der Einsatz eines externen Vibrators, der das Gewebe im Mundbodenbereich zum Schwingen bringt.

21 Ich habe aus Berlin eine Ansichtskarte mit Grüßen aus Moskau verschickt.





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