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Jerihonska ruža je drama koja kao svoju glavnu okosnicu uzima istinitu priču o Oleni Popik, dvadeset-jednogodišnjoj prostitutki iz Ukrajine koja je godinama preprodavana od klijenta do klijenta, vođena iz ruku jednog do drugog vlasnika, da bi na kraju, ostavljena u bolnici u Mostaru, umrla bolujući od teških spolnih bolesti. Kroz komad postavlja se temeljno pitanje: koliko je naš život uopće naš ako smo lišeni vlastitog tijela, vlastitih misli, vlastitog imena i usporedno tome, vlastitog jezika. Izmještena iz svog habitusa, Olena, s novim imenom koji joj daje njen vlasnik - Amal, suočava se sa svijetom kao vječni stranac, bez vlastitog doma u geografskom, ali i metaforičnom smislu. Jerihonska ruža je biljka koja luta pustinjom ne uspijevajući pronaći izvor vode da pusti svoje korijenje, a ova istoimena drama je posveta svim takvim lutalicama, vječnim strancima.



YEAR: 2007.

NUMBER OF FEMALE CHARACTERS: 3

NUMBER OF MALE CHARACTERS: 2

COPYRIGHT: all rights reserved

TRANSLATED BY: Blažena Radas







Olena

Nadine

Anis

Fady

Mutter






• EINE FREMDE



Es ist wie ein Bild.

Verschwommen und fern.

Sie steht vor mir.

Ich kenne sie nicht, sie ist eine Fremde.

Ich erkenne

Mich selbst.

Aber ich erinnere mich nicht.

Es muss weit weg sein...

Oder in ferner Zukunft...




• DAS BIN NICHT ICH


Eine Stimme. Weder die einer Frau noch eines Mannes. Es ist nicht die Stimme EINER PERSON sondern die der MEHRHEIT. Eine forschende Stimme, die sich das absolute Recht auf Antworten nimmt. Das absolute Recht auf Wahrheit.


OLENA: Ich habe nichts getan.

STIMME: Sie haben einen Diebstahl begangen.

OLENA: Nein, ... Das wollte ich nicht.

STIMME: Warum haben Sie gestohlen?

OLENA: Ich weiß nicht. Ich bezahle das. Es ist einfach... ich weiß nicht.

GLAS: Geben Sie den Diebstahl zu?

OLENA: Ich bezahle das.

STIMME: Wie heißen Sie?

OLENA: Olena.

STIMME: Sie wissen, dass Diebstähle gemeldet werden müssen und dass das in Ihre Akte kommt.

OLENA: Nein! Warum? Das war dumm von mir. Bitte, ich verstehe nicht, warum Sie diese Kleinigkeit melden sollten. Ein dummer Fehler.

STIMME: Sie haben gestohlen. Das ist strafbar.

OLENA: Lassen Sie mich gehen! Wo ist der Ausgang? Sie können mich nicht einfach so einsperren!

STIMME: Beruhigen Sie sich.

OLENA: Ich muss sofort hier raus!

STIMME: Haben Sie denn schon ein Strafregister?

OLENA: Nein! Lassen Sie mich raus! Es geht mir nicht gut!

STIMME: Nein, Sie bleiben hier.

Sagen Sie Ihren Namen und Vornamen noch einmal.

Geburtstag.

Ausweisnummer.

Namen der Eltern.

Ihre Anschrift.



[Stille.]


STIMME: Wohin gehen Sie jetzt, Olena?

OLENA: Ich,... Ich weiß nicht. Das bin nicht ich.




• SPRACHZERFALL


OLENA:


Ich verstehe die Worte nicht

Obwohl ich ihre Bedeutung kenne

Ich stelle keine Fragen

Denn ich habe meine Augen nicht

Ich vergesse den Klang meiner Stimme

Denn ich kenne den nicht, der spricht

Ich kratze und reibe meine Haut

Um das Leichentuch abzustreifen

Ich öffne meine Venen

Im Glauben hineinsehen zu können

Ich tauche unter die Oberfläche

Und Unbekannte schauen mich an

Doch sie können mich nicht berühren

Und können mich nicht retten

Denn ich kann mich anderen nicht hingeben

Denn ich kann mich mir selbst nicht hingeben




• NEUER NAME, NEUES LEBEN


ANIS: Nadine, ich muss zur Besprechung. Ich muss dem Mann das Geld geben... Ich habe nachgezählt, es reicht nicht.

NADINE: Ja und?

ANIS: Bevor ich schlafen ging, hatte ich mehr als genug, um die Schulden zu begleichen...

NADINE: Ich verstehe nicht, was du da sagst und warum du es mir sagst. Wie du dich hoffentlich erinnern kannst, bin ich deine arbeitslose, traditionell erzogene Frau, die demnach keine eigene Einnahmequelle hat. Wenn du gedacht hast, dass ich jetzt meine Ersparnisse aus meinem BH hervorhole und dir Geld gebe, dann kann ich nur feststellen, dass du nicht wirklich weißt, was läuft. Ich koche dir einen Kaffee, weil ich eben eine gute Frau bin. Du weißt schon, mit anderen Worten, eine Hausfrau.

ANIS: Nadine, wo ist mein Geld?

NADINE: Woher soll ich das wissen?

ANIS: Hör doch auf mit dem Scheiß, ich hab’s eilig! Gib mir das Geld!

NADINE: Wie denn? Soll ich es herausscheißen?

ANIS: Nadine, gib mir zurück, was du aus meiner Tasche genommen hast.

NADINE: Du hörst mir nicht zu.

ANIS: Liebling, warum müssen wir das immer wieder durchmachen? Gib mir das Geld zurück. Hör einfach auf mich.

NADINE: Ich hör auf den, der logisch ist.

ANIS: Findest du das lustig? Denkst du, ich mache mir einen Spaß?

NADINE: Nein, es ist sehr wichtig, dass wir uns nicht verstehen.

ANIS: Spreche ich etwa Japanisch?

NADINE: Nein, ich verstehe, was du sagst, um so schlimmer, denn ich höre dir weniger zu, wenn ich Sinnlosigkeit erkenne. Wenn du mir das auf Japanisch sagen würdest, würde ich dich für dreimal so intelligent halten.

ANIS: Zwinge mich nicht, grob zu werden. Du weißt, dass ich gutmütig bin, aber wenn du mich zur Weißglut bringst, ist Schluss. Also noch einmal, weil ich ein guter Ehemann bin. Das Geld. Wo ist es?

NADINE: Das Geld. Es ist nicht da. Und deine Schlampe ist ins Zimmer gegangen, falls du es nicht bemerkt hast.

ANIS: Oh, Olena, hello, come.

OLENA: Good morning.

ANIS: This, my wife, Nadine. She crazy in the morning. Shouting. I am sorry.

OLENA: Hello. I am Olena.

ANIS: Sit. We will eat, ok? Cheese,… Bread. You like? Ich muss ihr die Sprache beibringen. Kümmer du dich darum. Rede mit ihr, warum sagst du nichts?

NADINE: Warum soll ich mit deiner Nutte reden?

ANIS: Reiß dich zusammen.

NADINE: Was willst du?

ANIS: Du hast doch Englisch gelernt. Ihr könnt euch unterhalten. Bring ihr bei, wie man Fenster, Haus, ich, du, er, sie,sagt... Egal.

NADINE: Warum soll sie sprechen lernen? Besser sie versteht die vulgären Sachen nicht, die ihr die Leute an den Kopf werfen werden.

ANIS: Du bist verrückt! Sie muss so schnell wie möglich sprechen lernen. Wir haben es hier nicht mit Tieren zu tun. Die Kleine ist doch süß, oder? Als ich sie gesehen habe, wusste ich es sofort. Sie hat das gewissen Etwas. Sie ist ungewöhnlich. Obwohl es manchmal so aussieht, als wäre sie ganz verloren.

NADINE: Ich habe keine Lust auf dieses ganze Tamtam. Es interessiert mich nicht, wie du sie gefunden hast und was du angestellt hast, um sie hier her zu bringen.

ANIS: Sie weiß noch nicht, was sie hier tun wird, also erzähl ihr keinen Unsinn.

NADINE: Interessiert mich nicht.

ANIS: We need to make papers. Register for work. Olana, ok?

OLENA: Olena.

ANIS: What that name? Was für blöde Namen die in der Ukraine haben. Los, komm, lass dir was Normales einfallen. Was man leichter aussprechen kann. Jetzt, da sie hier lebt, kann sie auch einen neuen Namen haben.

NADINE: Alle Huren ändern ihre Namen.

ANIS: Ja, stimmt.

NADINE: Du kannst sie nach irgendwelchen Bonbons oder Lutschern benennen. Lola.

ANIS: Nein, alle heißen Lola oder Nana oder so ähnlich. Sie wird Amal heißen. Dieser Name hat mir immer gut gefallen. Your name Amal now, ok?

OLENA: What?

NADINE: He is going to change your name to Amal. You are not Olena.

OLENA: I’m not Olena?

ANIS: You are Amal.

NADINE: Amal.

OLENA: I’m Amal?

ANIS: You like?

OLENA: Yes, I like.




• THE PLEASURE OF NEW WORDS



AMAL: Guten-Tag. Ich-bin-Amal.

NADINE: Ich bin Nadine. Wie geht es dir?

AMAL: Danke-gut. Schön-Tag. Sonne-scheint.

NADINE: Ja, die Sonne scheint schön. Was sagst du, wenn du im Supermarkt Fleisch kaufen willst?

AMAL: Eine Kilo Fick-Fleisch.

NADINE: Ein Kilo Hack-fleisch.

AMAL: Hackfleisch.

NADINE: Und Kuchen?

AMAL: No, from the start. Wie geht’s? Ich-gut.

NADINE: Sag: Ich bin ein schönes Mädchen. Du bist ein schöner Junge.

AMAL: Ich bin ein schönes Mädchen. Du bist ein schöner Jung-frau.

NADINE: Du bist Jungfrau?

AMAL: What?

NADINE: Nichts. Und jetzt, say the bad words. That’s easy.

AMAL: Affe. Idiot. Arschloch.

NADINE: Hure.

AMAL: What is Hure?




• “Professioneller Ausländer”


Eine unbekannte Frau, vom Genuss erschöpft: die Jerichorose, eine Nomadenpflanze. Kommt es von deinem labilen Gleichgewicht? Deiner Doppelsicht, im Zeichen des Tages und im Zeichen der Nacht? Hast du vor der Reise in das ferne Land deinen Hochzeitstraum geträumt? Sag, hast du, bevor du mich vergessen hast, bevor du uns vergessen hast, die Fragezeichen deiner Labyrinthe aufbewahrt? Die Schlüssel für reisende Träume liegen neben der geöffneten Tür. Du schreitest auf eine Schwelle, die sich hebt, das habe ich gesehen.


Abdelkébir Khatibi




• THE PLEASURE OF NEW FACES



FADY: Guten Tag! Ist jemand zu Hause?

AMAL: Nein. Anis und Nadine weg.

FADY: Arbeitest du hier? Warte, verstehst du, was ich sage?

AMAL: Bisschen, ja.

FADY: We can speak in English if you want.

AMAL: Yes, English is easier.

FADY: Ok. So you work here?

AMAL: Yes, I clean.

FADY: Aha. So you like it here? You are from Ukraine?

AMAL: Yes, how do you know?

FADY: People talk. You look like a stranger, anyway.

AMAL: I don’t really go out. I just go shopping for food, you know. And… I don’t know, no one comes here, so I don’t know anyone.

FADY: How long have you been here?

AMAL: About three months.

FADY: Long time. Do you miss home?

AMAL: No, not really, it’s ok here. I work, I listen to music, watch TV.

FADY: What’s your name?

AMAL: Amal. And yours?

FADY: I’m Fady. Why is your name Arabic?

AMAL: Anis changed it.

FADY: Aha, ok. What is your real name?

AMAL: You can call me Amal, I like it.

FADY: Ok. Nice to meet you, Amal. So, maybe, someday, if you like, I could take you around. It could be nice.

AMAL: I’d like that. Thank you.

FADY: Tomorrow maybe.

AMAL: Ok, I’ll ask if they need me in the house. But, maybe, yes.

FADY: Ok, I’ll come back and check out.

AMAL: Ok, bye.



• EINE LANGE NACHT AUF HOHEN ABSÄTZEN



ANIS: Wie war es? Mit diesem Jungen? Mit Fady?

AMAL: Gut. Schön.

ANIS: Aha. Wie hast du ihn kennengelernt?

AMAL: What? Sorry, I just don’t know how to walk in this. It’s not good on me, Nadine.

ANIS: Macht nichts. Beruhige dich.

NADINE: You’ll learn. Du musst aufrecht gehen.

ANIS: Entspann dich! Sieh sie dir an, hör auf, an dem Kleid zu ziehen. Sei eine Dame. Aufrecht gehen. Setz dich und beruhige dich. Wir stoßen an, und dann sind wir richtige Geschäftspartner.

NADINE: What?

ANIS: You look very beautiful. Can you dance?

AMAL: No, I don’t dance.

ANIS: Willst du es lernen?

AMAL: Ich weiß nicht.

ANIS: Nadine, sag ihr, sie soll tanzen.

NADINE: Sag du es ihr.

AMAL: I don’t dance.

ANIS: Yes, you dance. For me. Do it.


Amal tanzt.



• GEFÄHRLICHES WISSEN


STIMME: Ein Glas / ein zweites und drittes / lerne zu schlucken / lerne den Finger reinzustecken / kotze / damit du die zehnte Runde überstehst / bis zum Ende der Nacht / auch die fünfzigste Runde / fein ist die Grenze zwischen Genuss und Schmerz / was die Menschen sagen ist nicht wichtig / die Musik spielt nur für dich / im heißen / langsamen / staubigen / Wüsten- / Rhythmus der Nacht / wie Musik die spielt / wie Musik die dich berührt / die nicht befiehlt / dich in Besitz nimmt/ deinen Körper umschlingt / die Adern zusammenzieht / von innen / den Schweiß treibt der deinen Rücken hinab perlt / in Rechnung stellt / eine Hälfte dir / die andere mir / zusammen verlangen wir von ihnen / Sex / Geld / eine Prostituierte hat die Gabe des Kombinierens / eine Prostituierte kann sich Rülpsen leisten / Erbrechen / Vergiften / Fluchen / deine Schulden kannst du mir nicht zurückzahlen / denn das ist die Freiheit / die ich dir gebe / die Nacht breite ich dir / wie eine schwarze Decke unter deine Füße aus / du weiße Schönheit / deine Zufriedenheit / ist mein Wunsch / ich bin nicht anspruchsvoll / der Herrscher herrscht nicht über unglückliche Diener / ich gebe dir die Wahl / jede Nacht / Mitternacht / erotische Massagen / warme Bäder / nasse Körper / zwischen den Beinen / ein Harem / wenn du doch / wenigstens / Danke sagtest / du musst lernen ein Mädchen zu sein, wenn er Vater spielen will / eine Lehrerin zu sein, wenn er Schüler spielt / böse zu sein, wenn er dich bestrafen will / wild zu sein wenn er dich zähmen will / sei demütig / denn wir bieten nur an, was sie verlangen / die Marktgesetze / in denen wir uns / ohne Gewissensbisse / ohne das Bedürfnis uns zu rechtfertigen / ohne Bedürfnis zu lügen / wälzen / auf Händlern / spucken / urinieren / diese Dreckskerle / Hexen / doch ich habe dich gesehen / und ich wusste / du hast keine Angst alleine zu gehen / denn das Leben ist längst zerstört / es herrschen die Gesetze der Straße / glückliche Heime sind abgeschmackte Träume / sentimentale Scheiße / zwischen der Scheiße gehen / mit den Verlorenen / Wunden lecken / Zigarettenstummel ausdrücken / im Aschenbecher mit dem eigenen Namen / Amal / Überleben ist Wissen.



• DER VERTRAG


ANIS: Leck mich doch, jetzt verteidige du sie auch noch! Als wüsste ich selbst nicht, was für eine dumme Kuh ich da geholt habe! Aus welchem verdammten ukrainischen Loch kommt die eigentlich? Was denkt jetzt dieser Mann von mir? Er musste sie festhalten, sonst hätte sie ihm die Augen ausgekratzt.

NADINE: Ich hab’s dir doch gesagt.

ANIS: Wenn du das noch einmal sagst, bringe ich dich um!


Amal erscheint.


ANIS: Ah, you!!! I know all. He say to me everything… Gestern bist du völlig durchgedreht! Why you so stupid? He is our customer! Was denkst du dir eigentlich?! Dich so zu verhalten! Geh zurück in dein Dorf in der Ukraine, du verdammte Kuh, wenn du hier arbeiten willst, kommst du damit nicht durch!

NADINE: Beruhige dich.

ANIS: Ok. Ich sag’s dir jetzt einmal, damit das ein für allemal geklärt ist. Entweder du arbeitest oder du fliegst raus. So kannst du nicht mehr mit Kunden umgehen. Du hast die Wahl, entweder du arbeitest oder du verschwindest. Wie und wohin interessiert mich nicht. You understand?

AMAL: No.

ANIS: You go out, verfluchte Scheiße!

NADINE: You have to work or there is no money. You can’t act like you did last night. It is not professional.

AMAL: I clean, I work in the house.

NADINE: You have to do more. There is no money.

ANIS: No money! Verfluchte Ukrainer, was für ein zurückgebliebenes Gesindel!

AMAL: Give me my passport back, I want to go! You are crazy!

ANIS: I am crazy?! You do it last night, why not again?!!! Why not!

AMAL: No!

ANIS: Du willst gehen, dann geh. Go, goodbye!


Anis schubst sie.


NADINE: Ich rede mit ihr. Amal, listen to me. Amal, listen, listen carefully. This is something you have to do. And when there is something we have to do, we do it. We don’t think about it, we don’t think, oh, I don’t like this, or I like this. No, we do it. This is a trade, and everything is a trade. And this is all there is to it. This is how we live. It is a contract. It is everyone’s contract.

AMAL: It’s not me.

NADINE: Yes, it is you. You are responsible. You have a contract. So you will do it. There is no way back now. You will do it. Ok? You will do it.



• DIE VEREINBARUNG


Im Königreich Wirama gab es nur einen Brunnen mit Trinkwasser. Aus diesem Brunnen tranken alle Bürger und auch der König selbst. Eines Nachts kam eine Hexe in die Stadt und tröpfelte sieben Tropfen Gift in den Brunnen. Sie sagte: „Jeder, der aus diesem Brunnen trinkt, wird verrückt!“ Am nächsten Tag tranken alle Bürger außer dem König aus dem Brunnen und wurden verrückt. Dann bemerkten sie, dass ihr König anders war. Sie begannen zu flüstern: „Der König ist verrückt geworden. Wir wollen keinen Verrückten auf dem Thron! Wir müssen ihn stürzen!“ Am Abend befahl der König, man solle ihm Wasser in seinem goldenen Becher bringen. Wie alle, die aus dem Brunnen getrunken hatten, wurde er verrückt. Die Bürger freuten sich, dass ihr geliebter König wieder bei gesundem Verstand war.


Khalil Gibran



• Schwitzende Männer und schmutzige Uniformen



FADY: Do you have a boyfriend somewhere there? You must have, du bist sehr schön.

AMAL: Schön? Yeah, right. No, I don’t.

FADY: Yes you are, you are beautiful, Amal.

AMAL: Do you have a girlfriend?

FADY: No, I don’t.

AMAL: And did you have one?

FADY: Mmm, yes, but not really.

AMAL: What is that, yes, but not really?

FADY: Nothing special. No worth talking about them. Did you have a boyfriend?

AMAL: Yes, but not really.

FADY: Aha. So also?

AMAL: Ja, so also.

FADY: And did you sleep with him? Was he your first?


AMAL: With whom? With who him? There is no him.

FADY: No? You just said...

AMAL: There were three of them.

FADY: Three?

AMAL: Yes. Three guys.

FADY: Three guys?

AMAL: Three guys knocked on my door.

Three men. Wearing some ugly working uniforms.

Can we come in, one asked.

There is no one there, I said. What do you want?

You are such a darling girl and we wouldn't do you harm. Can we get in?

I didn't have the time to say yes, or to say no. They entered. Three large men. They stared at me, like angels, like devils. I remember, it was really hot that day, my head was burning. Why are they in my house? Who are they? How did they get in?

Isn't it so hot in here, he said. As if he felt the heat in my head. Why don't you open the windows and close the curtains. So that the sun won't get in. So that the sun won't burn your skin. It leaves traces on your body, that slim.

And so I did. I opened the windows and closed the curtains. I didn't have a second to think.

You are so beautiful, another said. Can we look at you? Take off your clothes.

No, I said.

They just laughed at me. It was funny, my reaction. The other came behind me.

Take it off! You won't scream.

And so I did. I took off my t-shirt. I didn't scream.

Your pants too. Please.

No, I said.

Don't scream.

And I listened. I took off my pants.I didn't scream.

Two stood in front of me, and one was behind me. I liked his looks best.

He touched my breasts. His hands were cold. Big and cold. My head touched his chest.

Take it all off.

Yes.

The other took my hand and took me over to the sofa.

Open your legs.

No, I said.

The third laughed and said, let us see you, whole and bare.

And so I did. I let them see me.

Turn around, they said. Don't look at us.

And one penetrated me there while I was sucking the other.

FADY: And the third? He watched?

AMAL: No, or yes. I didn't look at them.

I heard him say: do you like it, tell me you don't, and I'll fuck you harder! Do you like it?!

And I screamed at him, no!!!! I hate it! No! NO!

And he took me over. And he fucked me harder. My head was swinging. I couldn't see. Everything was mixing.I closed my eyes and I was feeling them, hot and hard, all over me, everywhere.

And he said, do you like it now, do you like us?

And I said, no, so fuck me again.



[Stille.]


AMAL: Do you think it's true?




• VOR-WORT



AMAL:

esel elmeni andar

sarafi kulmia aze

varafi elheni embarak arash kashi ana kasahti

niyan narasi ha

ahal é.

kun lahtari labehke kulki

shwaya, shwaya karima

shwaya ahme erme karami.

a ve warafi elbak esalhana

shu hayida wara eseni elbi.

shu hayda wara embarak eli

Eshe kelme erene buhkare duure masom.

Shambila lakhti kaski maraf

faraha embarak husaini

shedo el him bahre same

eya byipkhe

hame



• MONEY, HONEY


NADINE: Anis, ich brauche Geld.

ANIS: Dann klau dir welches. Du hast dich doch immer auf diese Weise zurechtgefunden, oder Nadine?

NADINE: Ja? Das ist die einzige Art mit dir. Du bringst das Beste aus mir heraus, Liebling.

ANIS: Du lügst. Ich habe dir immer so viel gegeben wie ich konnte.

NADINE: Ach ja? Und wofür hast du den Rest ausgegeben, du Schwein, wofür? Für deine Freunde, für deine Bar, deine Huren?

ANIS: Rede nicht so mit mir.

NADINE: Gib mir Geld.

ANIS: Nein. Du musst es schon stehlen.

NADINE: Wie? Wie soll ich es stehlen, du blöde Kuh, wenn du alles auf der Bank versteckt hältst?!

ANIS: Das bedeutet, du musst dich mit dem zufrieden geben, was du von mir kriegst.

NADINE: Du Dreckskerl, Schwein! Du Dreckskerl!




• WELCOME TO THE CANDY STORE


ANIS: Hm, Amal.

AMAL: Anis?

ANIS: Wir müssen reden.

AMAL: Gut. Was ist? Probleme bei der Arbeit?

ANIS: Nein, es ist alles in Ordnung, die Kunden sind zufrieden. Ich auch. Ich habe dir etwas Geld gebracht. Mit einem kleinen Bonus, weil das Geschäft gut läuft. Ja. Du und ich, ich wusste, dass wir sehr gute Partner werden...

AMAL: Ja...

ANIS: Du bist begabt, du bist einfach... Du bist so schön und zärtlich. Keine ist wie du. Alle werden grob mit der Zeit. Du bist weich. Ja, du bist etwas Anderes.

AMAL: Was ist das grob?

ANIS: Nein, du bist nicht grob. Bei dir wusste ich es sofort, als ich dich das erste Mal sah. Du kannst so ein Leben ertragen, keine andere kann das. Du und ich, wir sind gleich.


Anis nähert sich ihr und berührt ihre Hüften.


AMAL: Nein,... Warum fasst du mich an?

ANIS: Darf ich das nicht? Hast du Angst vor mir? Du weißt, dass ich dir niemals weh tun könnte. Niemals, Amal, das weißt du. Ich brauche dich. Ich respektiere dich, ich bewundere dich. Du bist so schön. Halte mal die Haare hoch. Ich werde... So... Du bist schön.

AMAL: Nein,...

ANIS: Ich kann nicht mehr. Seit ich dich zum ersten Mal gesehen habe, habe ich dich gefühlt.

AMAL: Bitte lassen Sie mich...

ANIS: Sie? Nicht doch, alles in Ordnung. Gefalle ich dir nicht?

AMAL: Nein, das nicht... Nein, ich bitte Sie. Nadine...

ANIS: Psst... Sie ist im Zimmer, sie hört uns sonst.

AMAL: Aber...

ANIS: Du bist so schön, Amal. Und dein Name ist schön. Alles habe ich dir gegeben. Du kannst dir die Männer aussuchen, die du willst.

AMAL: Ich will keinen. Nein, lass mich!

ANIS: Du bist nicht so. Ich kann dir alles geben. Du kannst nicht nein sagen. Nicht zu mir. Du kannst zu mir nicht nein sagen. Niemals. Psst, sei leise. Küss mich. Es wird dir gefallen.



• WELCOME TO THE CANDY STORE, PART II


FADY: Amal, komm, ich hab’ etwas für dich. I made some research about prostitution. Do you know this stuff? I had no idea, really, and I live here. See… The Penal Code, law of 1931, legalizes prostitution in Lebanon. Prostitutes must be registered and they must undergo medical examination.

AMAL: Why are you telling me this?

FADY: Ich will dir helfen.

AMAL: Nein, ich brauche keine Hilfe. It is the way it is. It is not your thing.

FADY: Yes, I know. Aber ich halte es nicht mehr aus, verstehst du? Jedes Mal, wenn ich dich berühre, sagst du, dass ich wie die anderen Männer bin, du sagst, ich bin genau wie diese Schweine,... Was erwartest du von mir?

AMAL: Bedräng mich nicht...

FADY: Du verletzt mich.

AMAL: Ich dachte, das mit uns ist anders.

FADY: Ich dachte auch, da ist etwas zwischen uns, aber du kannst offensichtlich mit der ganzen Stadt schlafen außer mit mir.

AMAL: Das war gemein.

FADY: Verzeih. Ich weiß einfach nicht mehr, was ich sagen soll.

AMAL: Ich auch nicht.




• ALL WORK, NO JOY


AMAL: Wollen Sie, dass ich mich ausziehe?

STIMME: Ja, zieh dich aus.

AMAL: Langsam, oder ist das egal?

STIMME: Egal.

AMAL: Sie sind nicht der romantische Typ?

STIMME: Überhaupt nicht.

AMAL: Gefällt Ihnen der Ausblick?

STIMME: Nichts Besonderes.

AMAL: Soll ich auch den unteren Teil ausziehen?

STIMME: Nein.

AMAL: Was soll ich jetzt tun?

STIMME: Hol noch eine her.

AMAL: Sie wollen, dass noch eine kommt?

STIMME: Ja.

AMAL: Es ist aber keine frei. Was soll ich tun?

STIMME: Wie lange muss man warten?

AMAL: Ich weiß nicht genau. Eine halbe Stunde vielleicht. Soll ich etwas tun?

STIMME: Setz dich und warte.

AMAL: Ich habe nicht viel Zeit, ich habe noch vier Kunden.

STIMME: Sei ruhig.




• ENTBLÖSST


NADINE: Amal, schläfst du?

AMAL: Nein. Brauchst du Hilfe?

NADINE: Nein, das heißt, ich möchte mit dir reden.

AMAL: Reden?

NADINE. Ja, wir haben uns lange nicht mehr unterhalten. Ich habe gestern gesehen, wie du tanzt.

AMAL: Du warst im Klub? Ich habe dich nicht gesehen.

NADINE: Ja, ich weiß. Jedenfalls habe ich bemerkt, dass du dich hier ganz gut eingelebt hast. Du hast die Sprache gelernt, das Geschäft läuft. Wo ist dein Freund, wie hieß er noch, Fady? Ich habe euch in der letzten Zeit nicht mehr zusammen gesehen.

AMAL: Ja, wir haben uns längere Zeit nicht gesehen. Er hat eine Arbeit gefunden. Er arbeitet.

NADINE: Das ist kein Grund, sich nicht zu sehen.

AMAL: Es ist seine erste Stelle...

NADINE: Ja, wahrscheinlich ist es so am besten. Du weißt, dass du dich nicht zu sehr an Menschen binden solltest. Das tut weh... Denkst du nicht?

AMAL: Ja,...

NADINE: Was ich fragen wollte, kaufst du Sachen von deinem Geld oder verkaufst du meinen Schmuck?

AMAL: Bitte? Nein...

NADINE: Ha! Warum wunderst du dich? Du hast vieles, was mir gehört. Ringe, Kleidung, meinen Mann. Stimmt’s?

AMAL: Nadine...

NADINE: Ich weiß es schon lange. Ich zeige es nur nicht. Ihm ist es egal. Er ist ein verdammtes Schwein... Dreckskerl. Und du bist nicht besser. Trägst meine Sachen und weißt, dass ich dich sehe. Du weißt, dass ich dich beobachte.

AMAL: Aber er verlangt das von mir!

NADINE: Was verlangt er noch von dir und was gibst du ihm noch? So ziemlich alles, oder? Du gibst alles.

AMAL: Es tut mir leid.

NADINE: Es tut dir leid? Das ist alles? Es tut dir leid?

AMAL: Ich will nichts von ihm.

NADINE: Du gibst ihm also alles umsonst?

AMAL: Nein...

NADINE: Du lügst, du blöde Schlampe, du lügst...

AMAL: Nein,... Nadine,...

NADINE: Nein, nenne mich nicht bei meinem Name, ich ertrage deine Stimme nicht, ich ertrage es nicht, dass du meinen Namen mit deinem schmutzigen Mund aussprichst! Warum gehst du nicht in dein Land zurück, du verfluchte Nutte! Fick die Männer in deinem Land, mach dort deine Beine breit, nimm sie ihren Frauen weg. Warum bist du hierher gekommen, als gäbe es hier nicht genug solche Schlampen!

AMAL: Verzeih mir.

NADINE: Nein, sag das nicht. Du lügst, du blöde Nutte, du lügst...



• ANA


Ana hat einen Glatzkopf. Sie träumte, dass zwei Männer sie in ein Irrenhaus bringen. Sie versuchte ihnen klarzumachen, dass sie nichts getan hat. Sie schrie: „Ich bin unschuldig! Ich habe nur eine Glatze!“ Sie lachten und sagten: „Das wissen wir. Wir glauben aber Glatzköpfigen nicht.“ Dann träumte ich, dass mich zwei Männer in ein Irrenhaus bringen. Ich versuchte mich zu befreien, aber es half nichts. Ich schrie: „Meine Tante ist kein Terrorist!!!“ Sie lachten und sagten: „Das wissen wir. Wir glauben aber keinen Fremden.“




• MUTTER, DU HAST MICH VERGESSEN


MUTTER: Olena, du darfst nicht heiß baden, das ist nicht gut für die Venen. Wie oft muss ich dir das sagen.

OLENA: Das Wasser ist nicht heiß.

MUTTER: Schau dich an, du siehst aus wie ein geschorener Hund irgendwo in China.

OLENA: So schlimm kann es nicht sein.

MUTTER: Willst du dich verbrennen?

OLENA: Ich will schlafen.

MUTTER: Wovon sprichst du, Olena?

OLENA: Ich will schlafen, hörst du nicht?

MUTTER: Du willst nicht schlafen, du willst weg. So wie du von mir weggegangen bist.

OLENA: Das kann nicht so schlecht sein.

MUTTER: Warum willst du mich verletzen? Warum machst du mich immer so unglücklich?

OLENA: Ich kann dich nie glücklich machen. Warum soll ich mir Mühe geben?

MUTTER: Ich verstehe nicht, was du sagst. Du quälst mich. Warum meldest du dich nie bei mir? Ich hör dich nicht...

OLENA: Du hast mich nur vergessen.

MUTTER: Ich sehe dich nicht.

OLENA: Du würdest mich nicht wieder erkennen, ich habe mich ein bisschen verändert.

MUTTER: Warum, Olena? Was ist schief gelaufen? Du hattest alles und hast noch immer viele Möglichkeiten. Ich versuche zu verstehen, aber es gelingt mir nicht. Nachts schlafe ich nicht, ich ärgere mich nur. Ich schäme mich vor den Leuten, sie fragen nach dir und ich weiß nicht, was ich sagen soll. Also lüge ich. Ich denke mir was aus.

OLENA: Du sollst dir nichts ausdenken.

MUTTER: Ich verstehe gar nichts.

OLENA: Ich will nicht, dass du leidest.


[Stille.]


MUTTER: Erzähl!


[Stille.]


MUTTER: Du bist nicht Olena.




• DIE JERICHOROSE


ANIS: Du arbeitest nicht genug! Ständig drückst du dich, die Mädchen müssen deine Arbeit machen. Was ist mit dir, Amal?

AMAL: Nichts, ich brauche eine Pause, ich bin müde.

ANIS: Davon will ich nichts hören. Ich habe dir am ersten Tag gesagt, entweder du arbeitest oder du gehst.

AMAL: Ich weiß, Anis, aber ich kann nicht.

ANIS: Sieh dich doch mal an! Deine Haare sehen schrecklich aus. Die Kleidung hängt an dir herab. Hast du abgenommen? Hungerst du?

AMAL: Die Kleidung hat mir noch nie gepasst.

ANIS: Stimmt. Nadine hat darin viel besser ausgesehen. Du wirst nie wie sie sein. Du siehst aus wie eine Hure von der Straße! Wasch dich! Schmink dich, verdeck die Augenringe.

AMAL: Ich kann nicht.

ANIS: Ich muss an alles denken, mit allem muss ich mich herumschlagen! Ich muss mich um das Haus kümmern! Ich muss an alles denken!

AMAL: Ich will weg.

ANIS: Schau dich an. Eine wie dich würde niemand ficken.

AMAL: Und du?! Warum du?

ANIS: Ich habe dich schon lange nicht mehr angefasst und werde das auch nicht. Ich habe eine Frau.

AMAL: Du hast gar nichts. Hast du vergessen, dass sie dich verlassen hat?

ANIS: Du sollst mich nicht auslachen! Was weißt du schon?! Nichts! Nichts! Ich bin derjenige, der leidet! Ich bin derjenige, der büßen muss für das, was du anrichtest! Ich will dich nicht mehr sehen!

AMAL: Dann lass es.

ANIS: Schau dich an. Du bist kein menschliches Wesen, du bist nicht Amal... Du bist eine verdorrte Pflanze.

AMAL: Verdorrte Pflanze...

ANIS: Tu was du willst. Ich geb’s auf, ich brauch dich nicht. Du hast hier nichts mehr verloren.

AMAL: Ich will gehen.

ANIS: Du hast recht, du musst gehen.

AMAL: Ich weiß nicht wohin.

ANIS: Willst du nach Hause zurück?

AMAL: Ich habe kein Zuhause.



• KNOWN AND THE UNKNOWN


Life is seen in fragments.

Fragments make up stories.

Like blind Homer.

With eyes, deep black holes.

A language resonates from far beyond.

Secret signs

I know secrets can not be discovered.

Like cracks between fragments.

Like eyes, deep black holes.



• BECAUSE I STOPPED FOR DEATH



Vor nicht langer Zeit lebte ein Mädchen, eine Ukrainerin, mit dem Namen Olena. Olena starb mit 21 Jahren in einem Krankenhaus in Mostar in einer Tuberkulose-Klinik. Ihre inneren Organe waren zerstört. Sie hatte AIDS, Syphilis, Hepatitis C und Tuberkulose. Nach der Obduktion sagte der Gutachter, er habe „ein Viertel einer Person“ gesehen. Olena war als weiße Sklavin verkauft worden und kam als „Geschenk“ an einen Geschäftspartner nach Mostar. Den größten Staub wirbelte die Nachricht auf, dass Olena wie eine „Atombombe“ den HIV-Virus auf Hunderte Menschen übertragen hatte. Ihre Zuhälter bekamen vor Gericht eine Gefängnisstrafe von je zwei Jahren. In den Zeitungen wurde die gute Nachricht verbreitet, dass niemand angesteckt wurde. Der Fall war bald vergessen. Doch vor nicht so langer Zeit lebte das Mädchen Olena und das letzte Jahr ihres Lebens verbrachte sie wie eine Leiche. Aufgrund der Unterernährung und der Erschöpfung, die die Krankheiten verursachten, verbrachte sie lange Zeit in einem vegetierenden Zustand. Sie wartete in einem Netz von weißen Wänden auf den Tod.



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