U središtu priče je Vera, gastarbajterica iz Hrvatske koja u Njemačkoj već dvadesetak godina radi na crno i tako prehranjuje obitelj. Jednoga jutra, u hamburšku pekaru upadaju njemački specijalci na čelu s Trajom, policajcem romskog porijekla. 
Veri slijedi izgon do granica Schengena. Na tom putu pratit će ju Trajo koji gazdama želi dokazati da će „jednom od njega postati pravi njemački policajac“... San o Europi bolno će se raspasti, a dvoje luzera ostaju na vjetrometini propalih šansi.


YEAR OF PRODUCTION: 2014


NUMBER OF FEMALE CHARACTERS: 1

NUMBER OF MALE CHARACTERSA: 1

ADDITIONAL NOTES: play was staged for the first time on German, in Theater TKO in Koeln (November 2014)

TRANSLATED BY: Mirjana and Klaus Wittmann

COPYRIGHT: full copyright



In der weiten Welt:


VERA, Arbeiterin im Untergrund

TRAJO, Arbeiter für Recht und Ordnung


Sie begegneten einander an einem frühen Morgen, als es nach Brot duftete...

1.

Dunkel. Ein Wecker rappelt. Ein Lichtkegel. Vera erhebt sich von ihrer Matratze. Setzt sich auf den Boden. Isst etwas aus einer Konservendose. Putzt sich im Gehen die Zähne. Zieht ihren Mantel über.


2.

Dunkel. Blaulicht. Trajo wischt Spucke und faule Kartoffeln von seinem Polizeihelm.



3.

Tagesanbruch. Jene empfindliche Stunde, wenn das Brot am knusprigsten ist und am schönsten duftet. Vera hat eine weiße Schürze umgebunden, an den Händen trägt sie Einmalhandschuhe. Ihre Wangen sind etwas vom Mehl bestaubt. Sie stapelt Brote in ein Regal. Geht zärtlich mit ihnen um. Jeden Brotlaib streichelt sie, flüstert ihm etwas zu, als wecke sie kleine Kinder...

VERA: Es ist schon Tag, ihr kleinen Schlafmützen, Zeit aufzustehen. Auch ich bin heute nur mit Mühe wachgeworden. Heute Morgen ist es recht kalt, die Temperatur ist auf den Gefrierpunkt gesunken, vom Baltikum her weht ein scharfer Wind, alle Knochen tun einem weh... Genießen wir noch ein bisschen die Stille, bevor die ersten Hungrigen kommen. So, meine Lieben, ihr liegt da wie Babys auf der Entbindungsstation. Es fehlt nur noch, dass ihr zu quengeln anfangt, meine warmen Kinderchen...


Sie zuckt zusammen, als wäre es ihr peinlich.

VERA: Wenn der Chef das hört, ist er wieder außer sich. Das geht ihm auf die Nerven. Vor ein paar Tagen brüllte er mich an: „Beeil dich, was fummelst du da an den Broten herum, das hier ist kein Massagesalon!“ Der Arme kapiert nichts. Er scheffelt nur das verdammte Geld, ersticken soll er darin. Als würde er es mit ins Grab nehmen. Er weiß nicht, dass ihr alles spürt, dass auch das Brot eine Seele hat - genau wie der Mensch...


Behutsam packt sie Hörnchen in Papiertüten. Nüsse, Sesam, Kümmel... manchmal löst sich etwas davon und bleibt auf dem Brett liegen. Das ist für die Vögel, wenn sie kommen.

VERA: Nehmt es mir nicht übel, heute Morgen habe ich etwas nahe am Wasser gebaut. Mein Jüngster hat heute Geburtstag – achtzehn Jahre. Er ist einen Kopf größer als ich. Und seine Wimpern sind schöner als meine, das schwöre ich euch...


Sie achtet darauf, dass keine Träne aufs Brot fällt. Es wäre nicht gut, wenn es nass würde, bevor die Kunden kommen.


VERA (singt): Laži, laži Vere, laži koj ke lažeš

Samo mene Vere, nemoj da me lažeš

Jas si imam Vere, lele jas si imam

Jas si imam Ver do tri bolesti...


4.

Trajo sitzt auf dem Boden, den müden Rücken an den Streifenwagen gelehnt, und raucht.

TRAJO: Ich bin müde, fühle mich schlapp. Vielleicht bekomme ich die Grippe, mir ist, als zöge ich jeden Muskel über eine Rasierklinge... Aber egal, ich will nicht klagen. Heute ist es wichtig, überhaupt eine Arbeit zu haben. Am besten ist es, wenn der Chef mich zu Einsätzen in den Türkenvierteln einteilt. Dort haust ein ganz verrücktes Volk! Die beklagen sich nie. Wenn wir auf sie eindreschen, geben die Türken keinen Laut von sich. Das ist gut, sie erleichtern mir die Arbeit, und ich werde schneller fertig. Ein ganz verrücktes Volk, wozu sind sie überhaupt hierhergekommen. Am schlimmsten sind die Vietnamesen. Schon bevor ich sie berühre, schon wenn ich bloß den Schlagstock in die Hand nehme, brüllen sie, als zöge man ihnen die Haut bei lebendigem Leib ab. Sie veranstalten einen Heidenlärm. In meinem Kopf ertönen dann Millionen kleiner Explosionen. Nach der Abschiebung von Vietnamesen brauche ich Tage, bis ich wieder zu mir zu finde... Sie kommen mit Booten, in Kühllastwagen, hängen unter Waggons, sie kommen zu Tausenden... Gelbe Ameisen, nennt mein Chef sie. Ihretwegen müsste man uns die Dienstjahre doppelt anrechnen. Das wäre in Ordnung. Ich bräuchte noch ein Dutzend solcher Razzien wie heute Nacht, und der Chef würde mich vielleicht für eine Beförderung zum Kommissar oder wenigstens für einen Ordenvorschlagen. Ich rede nicht so daher, etwas scheint doch im Busch zu sein. Gestern rief er mich zu sich in sein Büro und eröffnete mir mit wichtiger Miene: „Aus dir, Trajo, könnte noch ein ordentlicher deutscher Polizist werden. Ich beobachte dich seit mehreren Jahren. Nur weiter so, mein Junge!“ Das will ich auch, bei dem Leben meiner Mutter. Der Chef weiß nicht, was Trajoaushalten kann. Nur am Ende des Arbeitstags, während ich im Dunkeln liege, suchen mich deren blutüberströmte Gesichter heim. Ich kann sie nicht vergessen, ihre Augen habe ich tief unten in meinem Inneren vergraben. Nur, meinInneresist keine Badewanne, bei der du einfach den Stöpsel herausziehst. Aber das ist mein Problem. Hauptsache, die Arbeit ist erledigt.



5.

Vera verteilt das Brot in die Lieferkisten.

VERA (singt): Vtora bolest, Vere, lele, vtora bolest

Vtora bolest, Vere, v tugina ke odam...


Sie verschnauft. Zieht die Einmalhandschuhe aus. Wischt sich die Hände an einem Lappen ab. Fischt aus ihrer Tasche ein Paar rote Boxhandschuhe.

VERA: Die hat ihm seine Mama zum Geburtstag gekauft...


Schnuppert an den Handschuhen. Das freut sie, als wären sie die Wangen ihres Sohnes.


VERA: Offenbar echtes Leder. Unzerstörbar. Solche hat kein anderer... Sobald meine Schicht zu Ende ist, geheich schnell zur Post, ich will sie ihm per Einschreiben schicken, egal was es kostet. Die deutsche Post ist die schnellste der Welt, eine bessere gibt es nicht. Er soll sie so schnell wie möglich bekommen, mein Kruno... Er trainiert Boxen. Sein Gesicht möchte ich sehen, wenn er das Paket aufmacht... Eine edle Sache ist dieses Boxen. Weckt etwas Gutes im Menschen. Man lernt, auf den Beinen zu bleiben, und das ist nicht wenig. Wo lernt man was Besseres...


Sie verstummt. Betastet die Boxhandschuhe. Etwas bedrücktsie.

VERA: Man kann nicht sagen, dass mich seine Leidenschaft glücklich macht. Ich bin ja seine Mutter, und die Schläge gegen den Kopf sind nicht harmlos, aber er ist ganz vernarrt in das Boxen, man kann ihm nicht wegnehmen, was er liebt...


Auftritt Trajo. In voller Kampfausrüstung. Mit heruntergelassenem Visier. Man kann seine Augen nicht sehen.

VERA: Guten Morgen! Entschuldigen Sie, ich war etwas in Gedanken!


Sie lässt dennoch die Boxhandschuhen nicht aus der Hand. Es ist ihr peinlich. Trajo hebt das Visier. Unter dem Helm ist es zu heiß. Er ist schweißgebadet.

TRAJO: Guten Morgen. Ich dachte, das ist eine Bäckerei.


Vera packt die Handschuhe schnell in die Taschezurück.

VERA: Ha, ha, ha! Wollen Sie mich wohl am frühen Morgen auf den Arm nehmen... Natürlich ist das eine Bäckerei, die beste der Stadt. Wir haben sogar Kunden in Berlin! Denen liefern wir unser berühmtes Sauerteigbrot.


Sie bindet ihre Schürze fester.

VERA: Was darf’s sein?


TRAJO: Nichts.

VERA: Wie, nichts? Vielleicht ein Stück warmen Apfelkuchen? Heute haben wir eine Sonderaktion: zwei kaufen, eins bezahlen!

TRAJO: Nichts, danke. Ich bin im Dienst.

VERA: Das ist nicht gut. Man kriegt schnell Krebs, wenn man nicht isst.


Er nimmt den Helm ab und hängt ihn an einem Hacken an seinem Gürtel. Überprüft den Haftbefehl. Sie schaut zur Straße hinaus.

VERA: Und Ihre Kollegen? Wollen die auch nichts?

TRAJO: Nein.

VERA: Wir geben Gruppenrabatt.

TRAJO: Ein anderes Mal.


Sie schweigen.

VERA: Ah, jetzt verstehe ich. Hier im Viertel muss es eine große Schlägerei geben, wenn sie in dieser Rüstung aufkreuzen... Und auch die Grüne Minna mit den vergitterten Fenstern ist da. Als würdet ihr in den Krieg ziehen. Ich weiß wirklich nicht, was in die Menschen gefahren ist.

TRAJO: Sie sind doch Vera Marić?

VERA: Ja

TRAJO: Ihre Arbeitsgenehmigung und ihre Aufenthaltserlaubnis, bitte.

VERA: Ein bitteres Brot esst ihr bei der Polizei. Ich möchte nicht in eurer Haut stecken.Die Menschen werden immer verrückter, ihr riskiert ständig das Leben, dabei ist euer Gehalt miserabel...

TRAJO: Ich brauche Ihre Arbeitsgenehmigung und ihre Aufenthaltserlaubnis.


VERA: Die habe ich jetzt nicht bei mir. Wenn Sie Morgen vorbeikommen...

TRAJO: Die haben Sie doch gar nicht.


Sie greift schnell nach ihrer Tasche und holt die Boxhandschuhe wieder heraus.

VERA: Sie sind gerade zur rechten Zeit gekommen, ich brauche einen Rat. Sehen Sie sich die an, was sagen Sie als Mann dazu? Sind die gut? Ich verstehe nichts davon, der Verkäufer hat sie mir über den grünen Klee gepriesen, das sollen echte Meisterschaftshandschuhe sein, aber bei den Verkäufern weiß man nie, im Nu legen sie einen rein, die sind bereit, auch die eigene Mutter zu verkaufen! Was meinen Sie, sind die gut?

TRAJO: Lassen Sie das jetzt, wir haben keine Zeit.


Vera tänzelt um ihn herum, will ihn ablenken.

VERA: Die sind für Kruno, meinen Jüngsten, er ist vernarrt in das Boxen, so etwas gibt’s nicht noch mal! Es macht ihm nicht einmal etwas aus, um vier Uhr morgens aufzustehen, wenn er zum Training muss, bei jedem Wind und Wetter! Mögen Sie Boxen? Mein Mann mag das nicht, auch die älteren Söhne sind nicht begeistert. Nur ich hab es lieb gewonnen, bestimmt durch Kruno. Vielleicht hat mir meine Mutterdas vererbt, sie liebte Boxkämpfe. Keine Runde verpasste sie am Fernsehen. Bei uns geht das nach der Frauenlinie...

TRAJO: Genug jetzt!


Er reißt ihr grob die Handschuhe aus den Händen und wirft sie auf den Boden. Vera ist erstarrt, ihr Gesicht ist blasser als das Mehl auf ihren Wangen.

TRAJO: Bei uns ist eine anonyme Anzeige gegen Sie eingegangen.


Die Wut ist stärker als die Angst. Vera wird wieder lebendig, ihre Wangen glühen jetzt vor Zorn.

VERA: Ich weiß, auf wessen Kraut das gewachsen ist! Diese widerlichen Schufte, die tun nichts anderes, als lügen und anständigen Menschen etwas anhängen. Sobald du fleißig arbeitest und dich nicht um fremde Angelegenheiten kümmerst, bist du ihnen ein Dorn im Auge. Und ihr nehmt sie auch noch ernst? Solche gemeinen Klatschgeschichten? Eine schöne Polizei seid ihr! Dazu noch in Deutschland, dem Land der Ordnung und der Disziplin. Diese Welt muss ja untergehen.


Trajo händigt ihr routinemäßig den Haftbefehl aus. RoboCop.

TRAJO: Es ist unsere Pflicht, jedem Hinweis nachzugehen. In der Anzeige wird behauptet, dass Sie hier schon ein halbes Jahr arbeiten, aber weder eine Arbeitsgenehmigung noch eine Aufenthaltserlaubnis haben. Damit verstoßen sie klar gegen die Gesetze der Bundesrepublik Deutschland.


Genug geleugnet. Es ist Zeit, sich trotzig zu geben.

VERA: Ich hab sie nicht, na und? Die brauchen wir auch gar nicht mehr! Wir aus Kroatien sind jetzt endlich wieder in Europa, in unserer alten Wiege, zu der wir schon immer gehörten.

TRAJO: Sie sind schlecht informiert.

VERA: Was? Ich bin doch nicht blöd!

TRAJO: Kroatien ist immer noch in der Übergangsphase, in der es seinen Bürgern verwehrt ist, auf dem Gebiet anderer Mitgliedstaaten der Europäischen Union frei einer Arbeit nachzugehen. Diese Phase kann bis zu sieben Jahre dauern. Ihr müsst zuerst noch dem Schengen-Abkommen beitreten und danach noch eine ganze Reihe anderer Bedingungen erfüllen...

VERA: Was für ein Schengen? Das alles ist jetzt mein Staat, auch Deutschland ist mein Staat und alles...!

TRAJO (packt sie an der Schulter): Nur keine Panik. Gehen wir zum Polizeirevier. Dort wird sich alles klären.


Sie fällt vor ihm auf die Knie. Umarmt seine Stiefel. Beschwört ihn.

VERA: Ich bitte Sie, das muss eine Verwechslung sein... Bitte, lassen Sie mich heute, das ist das erste Mal, ich mach‘s nie wieder, das schwöre ich Ihnen...

TRAJO: Machen Sie sich nicht lächerlich.

VERA: Ich besorge mir die Papiere. Ich bitte Sie inständig, lassen Sie mich, ich schicke regelmäßig meinen Kindern Geld, Sie wissen nicht, wie das ist... Ich bring das schon in Ordnung, das verspreche ich!

TRAJO: Es tut mir leid. Das Gesetz ist in diesem Fall eindeutig.


Vera springt auf wie ein verzweifeltes Tier. Läuft zum anderen Ende der Bäckerei.

VERA: Ich gehe nicht mit! Ich bin nicht schuld! Sperren Sie lieber die Terroristen ein und nicht anständige Menschen!


Dem Polizisten reißt jetzt der Geduldsfaden.. Er geht auf sie zu, überwältigt sie geschickt und wirft sie zu Boden. Dann legt er ihr brutal die Handschellen an.

VERA: Lass mich los, du Schuft!


Trajo schleppt Vera raus.

Die Boxhandschuhe bleiben auf dem Boden. Das Brot atmet.

6.

Der Bulle respektiert die Dienstvorschriften. Nach der Festnahme verfasst er das Protokoll.

TRAJO: Nur mit größter Mühe haben wir sie in die Grüne Minna geschafft. Sie schlug aus schlimmer als eine Stute. Ich musste damit drohen, ihr die Knie zu zertrümmern, erst dann beruhigte sie sich. Während der Fahrt zum Polizeirevier sagte sie kein Wort mehr. Sie saß zwischen uns, schaute uns trotzig und spöttisch an, als trüge sie eine Schutzweste und einen Helm und nicht wir. Eine seltsame Frau. So etwas habe ich noch nie erlebt.



7.

Ein nackter Raum auf dem Polizeirevier. Eines jener fensterlosen Löcher, wo Geständnisse herausgepresst werden. Dafür gibt es verschiedene Methoden. Trajo starrt die Wand mit dem Spionspiegel an. Hinter dem Glas sitzen die Vorgesetzten. Vera sitzt am Tisch. Trinkt Wasser aus einem Pappbecher. Trägt Handschellen. Trajo reibt sich die müden Augen und wendet sich an sie.

TRAJO: Also, noch einmal vom Anfang an. Vor- und Nachname, Beruf, Familienstand...

VERA: Beobachten die uns?

TRAJO: Niemand beobachtet uns.

VERA: Das heißt, die beobachten uns.

TRAJO: Und hören Sie bitte auf, mich ständig zu unterbrechen. So werden wir nie fertig. Schon zwei Tage sind wir mit Ihnen zugange.

VERA: Mir können Sie nichts vormachen. Ich weiß, wie das geht, das kenne ich aus Filmen. Die sitzen dort, hinter dem falschen Spiegel. Die armseligen Wichser...


Sie fühlt nur noch Verachtung. Trajo zögert, ist verunsichert... Er weiß, dass seine Vorgesetzten ihn beobachten. Es kommt nicht oft vor, dass ein gewöhnlicher Polizist die Ehre eines solchen Auftrags bekommt.

VERA: Ich schlage Ihnen vor: Wenn Sie mich laufen lassen, putze ich für Sie diese Glaswand. Wann wurde sie zuletzt geputzt? Vor hundert Jahren? Eine Schande, wie die Fliegen sie zugerichtet haben. Wo ist hier die Ordnung?


Er reagiert nicht auf ihr kleines Traktat über die Unordnung. Sie blickt zu der Glaswand, schickt den Voyeureneine Grimasse.

VERA: Was ist, Jungs, habt Ihr kein Geld für eine Peepshow? Geduldet euch ein Bisschen, gleich bekommt ihr einenStreaptease! Gleich ist es soweit!

TRAJO: Halten Sie den Mund!


Er setzt sich auf einen Stuhl ihr gegenüber. Stützt seinen Kopf auf die Hände und starrt gespannt vor sich hin.

VERA: Machen sie lieber Ihren Rücken gerade. So sind Sie buckelig wie eine alte Oma.

TRAJO: Antworten Sie nur, wenn Sie gefragt werden.

VERA: Dabei waren die deutschen Polizisten einmal große Vorbilder.

TRAJO: Schluss mit dem Theater!

VERA: Obwohl, nicht alle Omas sind gleich. Meine Oma Zlata war auch mit neunzig gerade wie eine Tanne. Sie hat selbst Holz gehackt.

TRAJO: Vor- und Nachname, Beruf, Familienstand...

VERA: Wozu fragen Sie das. Sie wissen sowieso alles.

TRAJO: Vor- und Nachname, Beruf, Familienstand...

VERA: Vera Marić. Hausfrau. Verheiratet.

TRAJO: Staatsangehörigkeit?

VERA: Kroatisch.

TRAJO: Das genaue Datum der Einreise in Deutschland?

VERA: Welcher Einreise?

TRAJO: Es gab also mehrere?

VERA: Das steht alles in Ihrer Kartei, Sie können zählen.

TRAJO: Wie oft?

VERA: Ich hab schon längst aufgehört, darüber Buch zu führen.

TRAJO: Wann sind Sie zum ersten Mal nach Deutschland gekommen?

VERA: Das war dreiundneunzig. Ein Haufen Arbeitsjahre seitdem, nicht wahr? Eigentlich könnte man mir schon die Rente auszahlen.

TRAJO: Und Sie haben immer schwarzgearbeitet?

VERA: Schwärzer geht gar nicht.

TRAJO: Schämen Sie sich denn überhaupt nicht?

VERA: Weswegen?

TRAJO: Soeben haben Sie schamlos gestanden, dass Sie seit über zwanzig Jahre die Gesetze der Bundesrepublik Deutschland missachten.

VERA: Mein Lieber, das tue ich nicht aus Jux und Tollerei, sondern aus bitterer Not.

TRAJO: Armut ist kein Alibi für Anarchie.

VERA: Alibi, das gibt es in Krimis, nicht wahr?

TRAJO: Warum missachten Sie die Gesetze dieses Landes? Wie wagen Sie das nur!


VERA: Ach, man wagt vieles, wenn man mit dem Rücken zur Wand steht. Man macht es immer weiter, so lange es geht... Kann ich noch etwas Wasser haben?


Er gießt ungeduldig das Wasser in ihr Glas. Gießt etwas daneben.

VERA: Schade um das Wasser.


Trinkt das Glas gierig aus.

TRAJO: Ich hatte Sie etwas gefragt.

VERA: Die Sache ist sehr einfach. Ich hab nicht so viel Geld, um es dem Staat in den Rachen zu schmeißen. Für mich behalte ich nur das Nötigste, nur für das tägliche Brot, damit ich nicht vor Hunger sterbe. Würde ich mich anmelden, müsste ich viel Geld bezahlen: für Steuern, für alle diese Erlaubnisse und Genehmigungen, für Krankenkasse, für Rentenversicherungen... Woher soll ich das bloß nehmen? Ich könnte noch so viel schuften, aber das könnte ich nicht alles bezahlen. Für mich war jede DM groß. Jetzt jeder Euro. Die schicke ich meiner Familie nach Kroatien. Mein Mann arbeitet nicht, drei Söhne müssen großgezogen werden, das ist nicht leicht...

TRAJO: Mutter Courage Nummer zwei.

VERA: Wie bitte?

TRAJO: Ein trauriges Los. Mir kommen die Tränen.

VERA: Das erwarte ich gar nicht. Ihr habt ein ganz schön dickes Fell...


Jetzt reicht’s. Trajo steht plötzlich auf. Böse dreht er Runden um Vera. Seine Vorgesetzten beobachten ihn, da ist nicht zu spaßen.

TRAJO: Wegen Verstoß gegen die gesetzliche Ordnung der Bundesrepublik Deutschland müssen Sie mit einer Gefängnisstrafe rechnen, mindestens fünf, auch bis zu zehn Jahren...


In Panik scharrt Vera mit den Handschellen auf der Tischplatte.

VERA: Nicht ins Gefängnis, nein, ich bitte Sie! Das dürfen Sie mir nicht antun...! Was mache ich dann, meinen Lieben bricht das Herz!

TRAJO: Es gibt noch eine andere Möglichkeit. Aber sie müssen äußerst kooperativ sein.

VERA: Ja, ja, ich tue alles! Sagen Sie nur, was!

TRAJO: Soweit uns bekannt ist, halten die Gastarbeiter zusammen und sind gut miteinander verbunden. Ihr trefft euch in euren Clubs, besucht dieselben Kneipen, Kegelbahnen, begegnet euch in der Kirche...

VERA: Was andere tun, weiß ich nicht, ich gehe seltenaus...

TRAJO: Lassen Sie das uns beurteilen. Für uns ist jede Information wichtig.

VERA: Was für Information? Ich verstehe nichts.

TRAJO: Wir verlangen von Ihnen nichts anderes, als dass Sie überlegen und sich an all jene erinnern, die in einer ähnlichen Lage wie Sie sind: die schwarzarbeiten, nicht angemeldet sind, in einer Grauzone leben, außerhalb des Gesetzes... Also, Sie brauchen uns nur deren Namen, wenn möglich auch Adresse zu nennen, ihre Familiensituation zu beschreiben, ob sie Eheprobleme haben, welche Beziehungen sie zu ihren Heimatländernpflegen... Alles, was Ihnen ungewöhnlich erscheint, kann für uns in der weiteren Bearbeitung nützlich sein.

VERA: Sie verlangen von mir, solcharme Schlucker wie mich anzuzeigen.

TRAJO: So würde ich es nicht nennen.

VERA: Wie denn?

TRAJO: Es geht um eine wertvolle Zusammenarbeit, die zur Sozialisierung dieser empfindlichen Gruppe der Gesellschaft beiträgt.


Einen Augenblick lang scheint es, er erwarte eine Bestätigung von den Chefs hinter dem Spiegel. Dann aber kommt er ihr vertraulich näher.

TRAJO: Wenn Sie guten Willen zeigen, sind wir bereit, Ihre Akte zu löschen und von einer Strafverfolgung abzusehen.


Stille.


VERA: Einige Namen sind mir eingefallen...

TRAJO: Ausgezeichnet.


Er rückt seinen Stuhl näher, setzt sich und beugt sich zu ihr hinüber.

TRAJO: Ich höre.


Vera spuckt ihm ins Gesicht. Geschockt, springt er auf und klebt ihr eine. Veras aufgeplatzte Lippe blutet. Trajo wischt die Spucke aus dem Gesicht so, als wische er den Helm ab.

VERA: Du Schwein...

TRAJO: Schweig oder ich breche dir alle Zähne!


Zum ersten Mal hat er eine Frau geschlagen. Auge in Auge. Etwas anderes als die Routinearbeit in der Masse, mitten in einer Razzia, wenn er benebelt von Tränengas nicht einmal weiß, wen seine Stiefelspitze trifft.

VERA: Gefesselte Frauen schlagen ist alles, was du kannst.

TRAJO: Das war das erste Mal.

VERA: Ich gratuliere. Viel Glück weiterhin.

TRAJO: Halt die Schnauze!


Der Polizist geht nervös im Zimmer auf und ab.

VERA: Wenn ich hier rauskomme, zeige ich dich an. Dich und deine Vorgesetzten. Hab ich denn keinen Anspruch auf Bürgerrechte?


Ihr Widerstand nagt an ihm wie ätzende Säure.

VERA: Wo kommst du her, Schwarzer?


Als hätte sie ihm ein glühendes Eisen ins Herz gebohrt. Er packt sie bei den Haaren. Kann sich nur mit Mühe beherrschen...

TRAJO: Was hast du gerade zu mir gesagt? Sag das noch einmal, und ich reiße dich in Stücke, das schwöre ich dir!


Er stößt sie auf den Stuhl. Sie schnappt nach Luft.

VERA: Wahrscheinlich... wahrscheinlich bist du ein Araber oder kommst aus irgendeinem finsteren Winkel der Welt... Deshalb bist du auch so eifrig, du musst deinen Chefs ordentlich in den Arsch kriechen. Aber was man tun muss, fällt einem ja nicht schwer. Es ist kein Kinderspiel, so mit Ausländerinnen umzuspringen, da bist du besser als jeder Deutsche.

TRAJO: Du bist ganz schön frech, aber damit ist bald Schluss.


VERA: Was könnt ihr mir schon antun?

TRAJO: Du wirst dich noch wundern.


Trajo ab.

VERA: Hätte ich es wenigstens noch zur Post geschafft... Jetzt kriegt mein armer Kruno die Handschuhe nicht. Er fragt bestimmt jeden Tag den Briefträger, ob er etwas für ihn hat und wo er seine Unterschrift hinsetzen soll. Mein Kruno ist ganz stolz, wenn ein Paket aus Deutschland kommt, wenn er es annimmt und den Empfang mit seiner Unterschrift bestätigt. Er kommt immer irgendwie zu kurz, mein armer Kleiner.Er war keine sieben Tage alt, als ich wieder zurück nach Deutschland musste. Damals arbeitete ich in einer Tankstelle an der Autobahn. Dort fragte keiner nach Papieren oder nach der Anmeldung, Hauptsache man schuftete... Der erste Lebensmonat ist am schlimmsten für einen Säugling, danach ist es leichter. Jede Nacht rief ich Branko an und erklärte ihm, wie er dem Kleinen die Flasche geben soll, wie er mit dem Ellenbogen die Wassertemperatur misst, wenn er ihn badet... Die anderen beiden waren zum Glück schon größer, mit ihnen kam Branko schon eher zurecht... Ich hoffe, ich war keine schlechte Mutter. Dieser Gedanke quält mich. Ich möchte nicht, dass sie schlecht über mich denken. Meine Söhne.



8.

Trajo hinter dem Spiegel.

TRAJO: Sehen Sie, sie spricht mit sich selbst. Ich sagte Ihnen, Chef, eine merkwürdige Frau. Eine harte Nuss. Das habe ich auch im Protokoll vermerkt. Hätte Brecht sie durch ein Wunder getroffen, wäre er voller Bewunderung für sie gewesen... Der Schriftsteller, Chef, bestimmt haben Sie etwas von ihm gelesen... Nein? Dann müssen Sie es unbedingt tun. Sie haben keine Zeit für dummes Zeug? Das ist klar, Sie haben einen verantwortungsvollen Beruf, kein Wunder, dass Sie keine Zeit haben... War ich heute denn gut, Chef? Danke, ich danke Ihnen, ich habe mich wirklich bemüht, Ihr Lob bedeutet mir viel, zugegeben, das war keine leichte Aufgabe... Bitte? Meinen Sie das im Ernst? Dass man mich vielleicht vorschlagen wird für den Posten eines Kommissars? Gesegnet seien Ihre Worte! Nein, Sie sagen das bestimmt im Scherz, ich kann nicht glauben, dass ich Kommissar bei der deutschen Polizei werden soll, gerade ich, Trajo Sefer, ein Zugereister! Himmlische Gnaden sollen Sie erfahren dafür, dass Sie mir diese Hoffnung eröffnet haben!...Schon gut, ich beruhige mich. Ich bin nicht euphorisch, das kommt nicht wieder vor, Chef, ich weiß, dass die Euphorie dem nüchternen Urteil eines Polizisten schadet... Ich bin ganz Ohr... Verstanden, morgen früh starte ich. Ich bürge dafür mit meinem Leben! Was für eine Ehre, Chef, und was für eine Bürde. Ich schwöre, eher sterbe ich, als dass ich diesen Auftrag nicht erfülle!


9.

Vertreibung aus dem Paradies. Der Bulle verliest das Urteil. Die Schwarzarbeiterin hört zu.

TRAJO: Wegen des illegalen Aufenthalts und der möglichen Begehung einer schweren Straftat werden Sie ausgewiesen und mit dem lebenslänglichen Verbot belegt, die Bundesrepublik Deutschland wieder zu betreten. Diese Maßnahme gilt für alle Mitgliedsstaaten der Europäischen Union... Als der mit Ihrer Abschiebung beauftragte Beamte, werde ich Sie bis zur Außengrenze des Schengen-Raums begleiten. Wir erwarten von Ihnen ein Höchstmaß an Zusammenarbeit, damit wir den Vorgang ohne unangenehme zwischenstaatliche Vorfälle und zum beiderseitigen Nutzen zu Ende bringen.

VERA (grinst) Ich bin also gerettet. Du kannst mich nirgendwohin ausweisen, mein Lieber! Wenn ich richtig verstehe, du kannst mich nicht einmal nach Kroatien abschieben... Hast du denn vergessen, dass wir jetztauchzu diesem verdammten Verein gehören?

TRAJO: Aber die Abschiebung ins Geburtsland ist möglich.

VERA: Ihr Schufte habt aber auch an alles gedacht.


Sie versucht, die gefesselten Handgelenke zu massieren.

VERA: Kann man mir diese Eisendinger nicht wegnehmen?

TRAJO: Nein.

VERA: Eine dumme Frage, was?


Sie verstummen.

TRAJO: Ich weise Sie darauf hin, dass Sie auch für die Kosten aufkommen müssen.

VERA: Was für Kosten?

TRAJO: Für die Festnahme, den Aufenthalt im Gefängnis und die Abschiebung. Drei Tausend Euro.

VERA: Jaja, ich renne sofort zur Bank, bevor sie zumacht. Sie brauchen nur zu sagen, wieviel, und ich blättere es Ihnen hin. Sind sie denn verrückt geworden! Woher soll ich das nehmen?

TRAJO: Im Falle, dass der Beschuldigte nicht imstande ist, die Schulden zu begleichen, tritt Pfändung ein.

VERA: Fickt euch!


10.

Auf halbem Weg. Eine Raststätte. Trajo und Vera essen angebrannte Burger. Sie hat sich mit Ketschup verschmiert. Die Handschellen stören sie beim Essen.

VERA: Das schmeckt wie Kohle.

TRAJO: Ich habe schon miesere gegessen.

VERA: Ich bin nicht wählerisch. Mir genügt ein Stück Brot und eine Dose Ölsardinen für den ganzen Tag. Aber warum vergiften uns diese Schurken?

TRAJO: Iss und meckere nicht. Gleich fahren wir weiter. Ich muss nur noch tanken.

VERA: Ich möchte wissen, ob die Lebensmittelkontrolleure hier je ihre Nase reingesteckt habent. Ihr solltet lieber solche Spelunken schließen, statt anständige Leute zujagen. Mein Gott, was ist bloßaus diesem Deutschland geworden!

TRAJO: Das Land ist gut, wenn man bedenkt, wer sich hier alles eingenistet hat.

VERA: Wenn ihr mich los seid, werdet ihr freier atmen können...

TRAJO: Wir haben noch eine ganze Menge zu erledigen.


Sie mustert ihn, will sich ein Bild von ihm machen.

VERA: Liebst du deine Arbeit?

TRAJO: Arbeiten mussman.

VERA: Also, du liebst sie.

TRAJO: Die Leute respektieren die Polizeiuniform. Das bedeutet mir viel. Oder sie haben Angst vor mir. Etwas Drittes gibt es nicht. Ich habe gelernt, damit zu leben.

VERA: Das erinnert mich an meine Uniform in Baden-Baden! Ein Landsmann aus dem Dorf meiner Oma hatte mir eine Arbeit gefunden. Wahrscheinlich war er in mich verknallt.

TRAJO: Kein Wunder.

VERA: Was willst du damit sagen?

TRAJO: Nichts, nur so... Erzähl weiter.

VERA: Mann, was für ein Glück, ich weiß heute noch nicht, wie er es geschafft hat, mich dort unterzubringen. Ich arbeitete als Zimmermädchen in einem Vier-Sterne-Hotel im Zentrum, vielleicht warst du mal dort, das sieht aus wie ein Schloss...

TRAJO: Ich war nicht dort.

VERA: An den Kitteln hatten wir goldene Knöpfe, und unsere Haarreifen waren aus echtem Elfenbein, ich schwör’s bei meiner Mutter! Wir schliefen zwar bis zu zwanzig Mädchen in einem Kellerraum, aber egal, wir durften nach Mitternacht in die Küche kommen und alles verputzen, was in den Töpfen übrig geblieben war... Man kann sich nur wundern, was die Gäste alles liegen lassen. Und das landet dann in der Mülltonne, schämen sollten die sich! Weißt du, was das bedeutet?Wenn ich am Essen sparte, konnte ich mehr nach Hause schicken. Und zu Weihnachten schenkte uns die Direktion Päckchen mit kleinen Seifenstücken, Schampons und Plüschpantoffeln... Es war wunderbar, bis mich eine rumänische Schlampe angezeigt hat. Diese Rumäninnen, Ukrainerinnen, Moldawierinnen machen uns nicht nur den Stundenlohn kaputt, sieverpetzen uns auch noch. Die würden ihrer eigenen Mutter die Augen auskratzen, um eine Überstunde mehr zu bekommen. Ich hatte Glück, die Chefs sind nicht zur Polizei gegangen, sie haben mich nur rausgeschmissen.


Er kontert.

TRAJO: Hotels mag ich nicht. Die finde ich traurig.

VERA: Die Hotels traurig? Du spinnst ja!

TRAJO: Für mich sind sie es. Sobald ich ein Hotelzimmer betrete, verliere ich mich. Und jedes Mal, wenn ich mich vor dem Einschlafen zur Wand drehe, denke ich, es ist zu spät. Ich werde mich nie mehr wiederfinden.

VERA: Das verstehe ich überhaupt nicht.

TRAJO: Kein Wunder.

VERA: Meine Jungs tragen auch heute noch mit Stolz in ihrem Portemonnaieein Foto mit sich, auf dem ich im Restaurant auf der ersten Etage einen großen blauen Perserteppich staubsauge. Blau wie der Himmel. Im Hotelprospekt steht, er ist ein Geschenk von einem Schach. Nennt man nicht Schach den Mann, der so ähnlich heißt wie Baklava?...

TRAJO: Schah Reza Pahlavi.

VERA: Ja, genau der. Du bist ganz schön klug, weißt alles.

TRAJO: Ganz so ist es nicht.


Sie verstummen. Essen.

VERA: Wo sind wir jetzt?

TRAJO: Ungefähr auf halbem Weg. Wir haben noch etwa siebenhundert Kilometer vor uns. Der Weg zum Balkan ist halt weit...

VERA: Mein Land ist nicht Balkan. Das müsst ihr euch aus dem Kopf schlagen. Deshalb treten wir auch auf der Stelle, weil ihr uns immer mit diesem Abschaum in einen Korb werft!

TRAJO: ... andererseits möchte ich nicht schneller als 130 fahren. Das kostet zu viel Sprit. Und es sieht auch nicht gut aus, wenn ein Polizist rast.

VERA: Warum sind wir nicht geflogen? Wenn schon, denn schon. Ich meine, wenn ihr mir schon das Fell über die Ohren zieht, lasst mich wenigstens wie eine Dame reisen.

TRAJO: Aus Sicherheitsgründen.

VERA: Bin etwa so etwas wie Al-Qaida?

TRAJO: Eher so etwas wie Bader-Meinhof.

VERA: Nie gehört.

TRAJO (lacht): Vergiss es.

VERA: Oh, du kannst sogar lachen...


Er kriecht sofort in seinen Panzer zurück.

TRAJO: Kann ich nicht.

VERA: Du solltest immer lachen. Du hast schöne Zähne.

TRAJO: Nichts Besonderes.

VERA: Meine Oma hatte bis zu ihrem Tod alle ihre Zähne, und gestorben ist sie mit achtundneunzig.

TRAJO: Das gibt es.

VERA: So ist unsere weibliche Linie.

TRAJO: Ich weiß, das hast du mir bei der Festnahme gesagt.

VERA: Kann sein.

TRAJO: Ganz sicher. Es steht im Protokoll.


Draußen hört man Geräusche von der Autobahn.

VERA: Viel Verkehr für diese Jahreszeit.

TRAJO: Ja.

VERA: Meine Jungs haben alle auf Anhieb bestanden.

TRAJO: Bitte?

VERA: Die Fahrprüfung.

TRAJO: Ah ja.

VERA: Jetzt zanken sie sich, wer Papas Opel nehmen darf... So ist es halt, die Mädchen bedrängen sie, alle drei sind verdammt gut aussehende Burschen. Ich sage das nicht, weil sie meine Söhne sind... Unser Opel ist jetzt schon siebzehn Jahre alt. Es fehlt ihm nichts. Er war das erste, was ich angeschafft habe.

TRAJO: Was tun die Söhne?

VERA: Noch sind sie in der Ausbildung. Der Jüngste, Kruno, macht im Frühjahr sein Abitur. Zlatko ist im vierten Medizinsemester, der Älteste, Mišo, studiert im sechsten Semester Jura. Er wird eines Tages seine Mutter verteidigen... Wenn du nur wüsstest, wie sie aussehen, meine Lipizzaner..., wart mal, ich zeige dir ein Foto...


Mit gefesselten Händen stöbert sie in der Jackentasche herum. Holt ein zerknittertes Foto raus und hält es ihm unter die Nase.

VERA: Was sagst du nun?

TRAJO (sieht sich das Foto an): Hübsche Kerle.

VERA: Solche gibt es weit und breit nicht.


Sie küsst das Foto und schiebt es wieder in die Tasche.

VERA: Hast du Kinder?

TRAJO: Nein.

VERA: Das ist nicht gut.

TRAJO: Kommt darauf an...

VERA: Worauf denn?


Er rudert zurück. Packt sie an der Hand.

TRAJO: Es ist schon spät. Wir müssen weiter.

VERA: Warte, ich muss mal.

TRAJO: Was musst du?

VERA: Auf die Toilette.

TRAJO: Schon wieder?

VERA: Das ist jetzt das andere.... Auuuua!


Ihr Gesicht verkrampft sich vor Schmerzen.

TRAJO: Ist dir schlecht?

VERA: O ja!

TRAJO: Ausgerechnet jetzt, was machen wir da...

VERA: Das kommt von dem verfluchten Hamburger.


Trajos Geduld ist am Ende. Er packt Vera und schleppt sie zu den Toiletten.

TRAJO: Verschwinde und mach schnell!

VERA: Aber du musst mir die Handschellen abnehmen. Mit gefesselten Händen schaffe ich das nicht, ich muss mich ja ordentlich abwischen, das ist nicht so einfach wie beim Pinkeln...

TRAJO: Schon gut, brauchst mir keine Einzelheiten zu erzählen... Nur keine Tricks, bitte, sonst wirst du deine Zähne noch vom dem Fußboden auflesen müssen.


Wider Willen öffnet er die Handschellen. Sie reibt sich kurz die geschundenen Glieder und verschwindet in der Toilette.

TRAJO: Du hast fünf Minuten Zeit!

VERA (off): Gleich, auua...!


Stille. Trajo schaut auf die Uhr. Wandert ungeduldig hin und her. Nimmt eine Autokarte aus der Hosentasche. Prüft irgendetwas. Steckt die Karte wieder ein.

TRAJO: Bist du fertig?


Keine Antwort.

TRAJO: Jetzt komme ichrein, ich hab dich ja gewarnt!


Peinliche Stille.

TRAJO: Vera!


Er tritt die Tür ein. Stürmt hinein.

11.

Ein Gästezimmer in der Raststätte. Trajo tritt ein. Über seine Schulter hängt Vera und strampelt wild mit den Beinen.

VERA: Lass mich los, du brutaler Kerl. Du faschistisches Stück Scheiße!


Er setzt sie auf den Boden. Eine Hand befestigt er mit den Handschellen am Heizungskörper. Ihre Beine fesselt er mit einem Strick.

VERA: Schieß mir lieber eine Kugelin den Kopf, statt mich so zu quälen.


Trajo ab ins Badezimmer. Wasser rauscht. Er kommt mit nassem Gesichtzurück.

TRAJO: Das Wasser ist ganz rostig.


Setzt sich auf den Boden neben sie. Lehnt sich an die Wand.

VERA: Los, mach meinen Qualen ein Ende. Dann bist auch du die Sorge los. Du kannst mich auch an die Deckenlampe hängen. Nach dem Motto: Die Verrückte hat sich selbst erhängt. Keiner wird lange untersuchen, was wirklich passiert ist... Eine weniger und basta. Und dir werden sie noch einen Orden verpassen.


Schweigen.

VERA: Was ist, hast du keine Eier?


Trajo zieht die Stiefel aus.

VERA: Natürlich hast du keine.

TRAJO: Schnauze!


Sie kann es sich nur schwer am Heizkörper bequem machen. Fühlt sich wie gekreuzigt.

VERA: Hätte ich es ans andere Ufer geschafft, hättest du mich nie wieder gesehen.

TRAJO: Du falsche Schlange.

VERA: Ich hatte keine Wahl.

TRAJO: Die gesamte Ortspolizei musste ich alarmieren.

VERA: Miese Feiglinge, sogar die deutschen Schäferhunde habt ihr auf mich gehetzt. Ein ganzes Rudel gegen eine Frau. Pfui Teufel!

TRAJO: Ich ließ die Hunde an meinen Händen schnuppern. Etwas von deinem Geruch war dran haften geblieben. Das genügte ihnen, die Spur aufzunehmen. Phantastische Tiere sind das.

VERA: Habt ihr euch nicht vor Gott geschämt? Ihr hättet auch Panzer in Marsch setzen können, nichts hätte mich mehr gewundert... Das ist eure Politik: Schlag drauf, damit man merkt, wer den Knüppel in der Hand hat.

TRAJO: Damit du nur weißt, alle diese unvorhersehbaren Ausgaben im Zusammenhang mit dem Einsatz der Polizei im Gelände, gehen ebenfalls zu deinen Lasten.

VERA: Mir egal. Hauptsache, ihr gierigen Kerle kriegt den Hals voll.


Er steht auf, geht zum Fenster. Wischt die beschlagene Fensterscheibe ab.

TRAJO: Und auch noch dieser blöde Nebel. Jetzt hat es wirklich keinen Sinn mehr weiterzufahren.

VERA: Sehr schlau. Du hast Angst, dass ich dir unterwegs im Nebel entwische. Ein zweites Mal könntest du nicht verkraften.

TRAJO: Halt den Schnabel!

VERA: Pass aber lieber auf, dass du bis morgen nicht verschwindest. Du schläfst in einem Hotelzimmer, und nach dem, was du mir anvertraut hast...

TRAJO: Red keinen Scheiß!

VERA: Keine Sorge, ich hör schon auf.


Sie kichert gezwungen. Er wird noch düsterer.

TRAJO: Du widerliches Weib.

VERA: Du hast keinen Sinn für Humor.

TRAJO: Wenig.

VERA: Du wirst noch deine eigene Leber auffressen.

TRAJO: Kann dir egal sein.

VERA: Nicht ganz. Auf der Reise sorge ich für dich. Du hast ja keinen anderen.


Peinliches Schweigen. Trajo lässt es gewähren, er könnte ewig so weiter machen.

VERA: Ich hab Hunger.

TRAJO: Das ist unmöglich.

VERA: Von derfrischen Luft hab ich Hunger gekriegt.

TRAJO: Schon wieder fängst du an...

VERA: Jetzt bin ich ernst.

TRAJO: Übrigens, du kannst brabbeln, so viel du willst. Ich höre gar nicht hin.


VERA: Gehen wir ins Restaurant?

TRAJO: Kommt nicht in Frage. Noch einmal machst du das nicht mit mir. Du bleibst hier gefesselt, bis wir weiterfahren.

VERA: Vielleicht gibt es hier einen Zimmerservice?


Er schweigt. Seine Blicke töten.

VERA: Bitte, bring mir etwas Brot.

TRAJO: Am liebsten würde ich dich erwürgen!


Er legt ihr die Handschellen an. Wickelt den Strick fest um ihren Brustkorb und bindet sie an den Heizkörper. Zieht die Stiefel an. Geht raus.

VERA: Gleich kommt Trajo zurück.



12.

Trajo zurück. Er bringt Brot, zwei hartgekochte Eier, eine Flasche Wasser und Papierservietten mit. Legt die Servietten auf den Boden und das Essen darauf.

TRAJO: Iss.

VERA: Wie denn?

TRAJO: Scheiße!

VERA: Entweder bindest du mich los...


Er ist im Dilemma, nimmt das Brot, bricht einen Kanten ab... Er hat etwas von einem Knaben und von einem Heiligen, während er das Brot an ihre Lippen hält.

TRAJO: Komm... Und ohne Tricks.


Vera kaut gierig.

TRAJO: Langsam, sonst erstickstdu noch... Was mache ich dann mit dir?

VERA: Dein Chef würde dir die Hölle heiß machen, was?

TRAJO: Fristlose Kündigung. Subversion bei der Ausführung des Auftrags. Die Aufgabe wurde nicht zu Ende geführt.

VERA: Ihr seid wirklich nicht normal. Schlimmer als SS-Leute.


Er bricht sich ein Stück Brot ab. Isst. Pellt das Ei und füttert sie damit. Die beiden sind irgendwie zum Lachen. Und wiederum auch nicht...

VERA: Als ich klein war... wollte ich ums Verrecken nicht das Weiße vom Ei essen... Jetztmag ich alles.


Er zieht die Stiefel aus.

TRAJO: Möchtest du etwas Wasser?

VERA: Ja.


Er öffnet die Flasche. Hält ihren Kopf, während sie trinkt. Es geht ihm nicht glatt von der Hand. Er verschüttet das Wasser über ihren Hals und die Brust.

VERA: Pass doch auf, du hast mich nass gemacht!

TRAJO: Ich hole ein Handtuch.


Da kommt er mit dem Handtuch zurück und bleibt etwas verlegen stehen. Soll er sie abtrocknen?

TRAJO: Du Blutsaugerin!


Wütend auf sich selbst, drückt er ihr das Handtuch in die Hände. Bindet sie los. Die Handschellen öffnet er nicht. Sie trocknet sich ab. Lange, zu lange, wie er meint.

TRAJO: Genug mit dem Herausputzen. Es ist Zeit zum Schlafen.


Er packt sie an den Händen, will sie wieder an den Heizkörper binden.

VERA: Bitte nicht wieder an den Heizkörper!

TRAJO: Da hast dues wärmer. Das Zimmer ist eiskalt.

VERA: Warte, gib mir für einen Augenblick mein Handy zurück. Ich will mich zu Hause melden.

TRAJO: Kommt nicht in Frage.

VERA: Ich habe doch das Anrecht auf einen Anruf. Das kenne ich aus Filmen.

TRAJO: Wann hast du alle diese Filme gesehen?

VERA: Bevor ich geheiratet habe. Branko habe ich im Kino kennengelernt.

TRAJO: Branko ist...?

VERA: Mein Mann.

TRAJO: Ach, so.

VERA: Ich entwertete die Eintrittskarten am Eingang, und er kam mit einer Gruppe seiner Monteure aus der Fabrik. Diese Blödmänner störten dauernd die Filmvorführung und riefen den Mädchen immer wieder etwas zu. Ich nahm die Taschenlampe und richtete den Lichtstrahl auf sie: „Haltet die Klappen, oder ich rufe die Polizei!“, drohte ich ihnen, und die Kerle wurden sofort ruhig. Bis zum Ende des Films gaben sie keinen Mucks mehr von sich. Branko wartete nach der Vorführung, bis ich den Saal gekehrt hatte, um sich zu entschuldigen. Er lud mich zu Ćevapćići ein, und so...


Er holt das Handy aus seiner Tasche. Steckt den Akku hinein.

TRAJO: Hier, du kannst anrufen.

VERA: Darf ich damit ins Bad... Wie soll ich vor dir mit meinem Mann sprechen?

TRAJO: Das geht nicht.


Er setzt sich aufs Bett. Dreht Vera den Rücken zu. Sie drückt ungeschickt die Tasten. Die Handschellen machen ihr das Leben schwer. Sie lauscht dem Klingelzeichen dort, in der Ferne...

VERA: Komm, Branko, geh schon dran... Schon schaltet sich der verfluchte Anrufbeantworter ein...


Schaut zu Trajo hin. Er reagiert nicht.

VERA: Ich bin‘s. Ich weiß nicht, wo du dich zu dieser späten Stunde herumtreibst, wahrscheinlich bist du mit deiner Klicke wieder in der Kneipe. Macht nichts... Es wäre mir auch nicht recht, wenn du nicht ausgehen würdest. Männer sind halt Männer. Ich wollte dir nur sagen, dass ich auf dem Weg nach Hause bin, wahrscheinlich komme ich morgen Nachmittag, ich kann dir nicht genau sagen, wann, man bringt mich mit dem Auto heim... Plötzlich bekam ich in der Bäckerei freie Tage, das erkläre ich dir, wenn wir uns sehen. Mach dir keine Sorgen, mein Fahrer ist ein Araber, du solltest sehen, wie er die Vorschriften auf der Autobahn beachtet, ganz anders als die Türken, die auf der Fahrt nach Hause einen Ziegelstein auf das Gaspedal legen...


Trajos Rücken ist unbeweglich. Er starrt die Wand an.

VERA: Da ist noch etwas... Ich mag zwar am Telefon nicht darüber reden, aber ich möchte, dass auch du dir Gedanken machst über uns. Das plagt mich, seit ich letztes Ostern zu Hause war. Ich vergesse es für ein paar Tage, dann kommt es wieder hoch. Erinnerst du dich an die Nacht vor meiner Abreise, als wir auf der Veranda saßen? Wir hielten uns an den Händen, aber ich wusste nicht mehr, ob das deine Hände, deine Finger waren, die ich früher auch blind unter Millionen fremder Hände erkannt hätte. Die kalten Finger, die ich mit meinen Küssen wärmte, wenn du vom Angeln nach Hause kamst. Und was ich am Schlimmsten fand, es war mir sogar egal, dass ich sie nicht wiedererkannte. Völlig egal. Ich weiß nicht, wovon das kommt, ob das normal ist bei Menschen, die jahrelang getrennt leben? Es ist, wie wenn man immer wieder eine Bohnensuppe aufwärmt. Am Anfang schmeckt sie gut, aber eines Tages verliert sie den Geschmack. Die Suppe ist noch da, der Topf ist voll, brodelt aber nicht mehr... So ist es wahrscheinlich auch mit der Liebe. Wir könnten vielleicht einen Fachmann fragen, Ärzte gibt es genug, es wird wohl ein Mittel dagegen geben... Wir sind wie wilde Wölfegeworden. Ich mag nicht, dass mir alles egal ist. Das ist ein schlimmes Gefühl. So, bald sehen wir uns. Küss mir die Jungs...


Sie unterbricht die Verbindung.

VERA: Ich bin fertig.


Trajo geht auf sie zu, nimmt ihr das Handy ab. Nimmt den Akku heraus und steckt ihn in die Tasche.

TRAJO: Ich bin kein Araber.


Sie schaut irgendwohin an ihm vorbei.

VERA: Bitte?

TRAJO: Du hast deinem Mann gesagt, dass dich ein Araber fährt.

VERA: Hast du gelauscht?

TRAJO: Nein. Berufskrankheit.

VERA: Mein Lieber, ich weiß nicht, woher du kommst, aber ein astreiner Deutscher bist du nicht.

TRAJO: Ich komme vom Balkan, so wie du.

VERA: Ich habe dir schon öfter gesagt, dass ich nicht vom Balkan komme...

TRAJO: Ich bin in Skopje geboren. Ich bin ein Roma. Wir können uns weiter in deiner Sprache unterhalten...

VERA: Aha, Zigeuner, hoppla, da tanzen die Bären! Dann kannst du mir ja auch aus der Hand lesen.


Er hüllt sich in Schweigen.

VERA: Sag im Ernst, was für eine Zukunft habe ich zu erwarten? Bestimmt etwas Verrücktes, Millionengewinn im Lotto, Glück in der Liebe, los sag es mir!


Sie streckt ihm die Hände hin.

VERA: Was ist, siehst du nichts? Ist etwas unklar? Stört dich das viele Metall? Ach, du bist bloß ein Scharlatan. Dabei habe ich mich so gefreut, dass mir ein Bulle die Zukunft voraussagt.

TRAJO: Wenn du mit dem Gekotze fertig bist, halt endlich die Klappe.


Er schüttelt die Kissen auf dem Bett.

TRAJO: Wir sollten schlafen. Morgen müssen wir möglichst früh losfahren.

VERA: Entschuldige, ich hab nur ein bisschen Spaß gemacht...

TRAJO: Du hast eine Zunge wie eine Schlange.

VERA: Ich habe es nicht böse gemeint.

TRAJO: Du weißt überhaupt nicht, was böse ist.

VERA: Du etwa?


Er geht neben ihr in die Hocke.

TRAJO: Du hast keine Ahnung, wie es sich anfühlt, wenn man dir mit Bürsten die Haut aufkratzt. Mit den Drahtbürsten für den Boden. Kinder im dritten Jahr Grundschule. Die ganze Klasse. Mädchen wie Jungs. Sie klauten die Bürsten beim Hausmeister, zogen mich nackt aus und schrien: „Jetzt kriegen wir Trajo sauber! Seine Haut ist dreckig! Seine Mutter hat ihn in Teer geboren! Kinder, reibt festeeee! Nicht eine Träne habe ich geweint. Ich wartete nur, dass sie aufhörten.Ich dachte, bald werden sie müde, das sind doch Kinder. Zwei Monate lang hat meine Mutter mir die Wunden gepflegt, zwei Monate lang schwebte ich zwischen Leben und Tod... Mich haben sie natürlich von der Schule geschmissen. Ein Jahr durfte ich mich nirgendwo einschreiben. In ganz Mazedonien nicht. Wir hatten aber auch keine Möglichkeit, irgendwo anders hinzuziehen. Meine Mutter hat mich während dieser Zeit unterrichtet, damit ich nicht zurückblieb... Wir sammelten Pilze im Wald und ernährten uns davon, meine Mutter machte Seife aus Asche, machte alles Mögliche, aber mir kaufte sie Bücher...

VERA: Das tut mir leid...

TRAJO: Oh, ich sehe, eine wahre Samariterin.


Er setzt sich aufs Bett. Klebrige Stille.

VERA: Weißt du, als du in die Bäckerei kamst, hab ich gleich gemerkt, dass du irgendwie wie ein Gebildeter sprichst.

TRAJO: Ein wahres Wunder bei einem Zigeuner, was?

VERA: Das wollte ich nicht sagen.

TRAJO: Aber gedacht hast du es schon.

VERA: Du bist kein gewöhnlicher Bulle.

TRAJO: Wie man‘s nimmt.

VERA: Da ist doch noch etwas...

TRAJO: Gut, wenn du es unbedingt wissen willst, ich habe die Schauspielakademie in Belgrad absolviert.

VERA: Wow!

TRAJO: Meine Mutter starb kurz vor meinem Abitur. Sie erloscheinfach. Als sie noch bei Bewusstsein war, sagte sie mir: „Trajo, mein Sohn, versprich mir, dass du irgendein Diplom machst.“ Ich versprach es ihr. Während ich mich ohne Fahrschein in den Zug nach Belgrad schmuggelte, lernte ich einige Mädchen kennen, die die Aufnahmeprüfung für ein Schauspielstudium ablegen wollten. Ich sagte mir, das könntest du auch probieren. Ich meldete mich an, stand vor der Prüfungskommission und einer davon, ein berühmter Regisseur, flüsterte seinem Nebenmann ins Ohr: „Dieser Neger wäre die Idealbesetzung für Othello, man bräuchte ihn nicht einmal zu schminken.“ Ich habe es genau gehört. Die beiden kicherten, musterten mich spöttisch und gaben mir einZeichen, anzufangen. Ich ging auf sie zu, spuckte vor ihnen auf den Boden und verließ den Raum. Ein ganzes Jahr kehrte ich Straßen in Belgrad, dann ging ich wieder hin und schaffte die Prüfung auf Anhieb.

VERA: Und wieso bist du in Deutschland gelandet?

TRAJO: Ich war doof. Schon Anfang einundneunzig bin ich hierhergekommen,

VERA: Das heißt zwei Jahre vor mir. Wir haben alle beide schon unsere Rente verdient.

TRAJO: ... als bei uns der Irrsinn aufkam. Ich dachte, ich geh weg, warum nicht, im Westen gibt es eine Menge Möglichkeiten, den Menschen dort ist es egal, was du bist und woher du kommst... Und kaum war ich angekommen, da regnete es Angebote, das muss ich schon sagen!

VERA: Na siehst du, was beklagst du dich dann noch.

TRAJO: Bist du bescheuert, wovon redest du denn?


Er springt vom Bett hoch. Läuft unruhig im Zimmer umher wie in einem Käfig.

TRAJO: Jeden Tag hätte ich zahnlückige Zigeuner spielen können, Kinderräuber, besoffene mexikanische Vergewaltiger, islamistische Terroristen, Taschendiebe in den U-Bahnen, Pferdediebe...“ Wie oft stieß ich auf Menschen, die mir auf die Schulter klopften und zu verstehen gaben:Wir sind tolerant, die Hautfarbe interessiert uns nicht, entspannen Sie sich ruhig, wir sind Weltbürger... dabei werfen sie einem Futter vor wie einem Schwein. Einem exotischen Schwein. Man bietet dir an, deine eigene Karikatur zu sein, dir selbst ins Gesicht zu spucken, deine Herkunft und den Schatten deiner Mutter mit Füßen zu treten... Ich war von allem angeekelt und dachte, zum Teufel mit euch und mit eurem Zirkus, lieber gehe ich Scheiße wegputzen. Zehn Jahre habe ich bei der Kanalisation gearbeitet, fünf Jahre auf Baustellen, aber ich blieb ichselbst. Und weißt du, was am Schlimmsten ist? Zum Beispiel: Polizisten stürmen einen Bus bei einer blöden Razzia, der Bus ist voller Leute, aber sie steuern geradewegs auf mich zu und wollen meinen Ausweis sehen! Ich gerate dann außer mir, zeige ihnen den Ausweis nicht, frage „Was gibt es Besonderes an mir? Warum macht ihr nur aus mir einen Dummen?“ Wie oft ich auf Polizeirevieren übernachtet habe, weiß ich selber nicht...


Er gerät bei seinen Erinnerungenin Rage.


VERA: Bist du fertig?

TRAJO: Wie meinst du das?

VERA: Bist du mit deinem Gejammer am Ende? Das kann man sich ja nicht anhören. Du heulst wie eine Memme. Meinst du, gerade du hättest die größten Probleme in der Welt? Und bei allen anderen fließen nur Milch und Honig? Du benimmst dich wie ein Kind.


Er ist im Augenblick blind für fremdes Leid.

TRAJO: Hör auf zu kläffen!

VERA: Ich kläffe solange ich will. Du kannst mich ruhig hassen.

TRAJO: Du weißt nicht, was Erniedrigung ist.. Du hast nie erlebt, dass sie dir in die Augen schauen, Süßholz raspeln, sich als große Liberale ausgeben, sich dann aberdurch ihre Nasenflügel verraten. Die weiten sich und erzittern, wie wenn man Gestank wittert, das dauert ganz kurz, nur ein paar Sekunden, aber mir entgeht das nicht. Ich habe jahrelange Übung darin. Dann sage ich zu ihnen: „Was ist, meine Herren, stinke ich? Haben Sie Angst, sich anzustecken? Gleich wird die Ebola von mir auf Sie überspringen! Wollen Sie mich nicht auf alle Fälle desinfizieren? Mittel dafür gibt es genug, los, macht schon...“

VERA: Ich würde dich nach seelischen Schmerzen fragen, hättest du nur einen einzigen alten deutschen Arsch abwaschen müssen. Ein reicher Mann macht in die Hose und zeigt dabei lachend seine Zähne für hunderttausend Euro, während seine Gnädigste mit ihren goldenen Armbändern rasselt und mir obendrein vorwirft, dass ich schlampig arbeite. Meinst du, ich hätte es leichter, weil ich eine weiße Haut habe? Von wegen! Ich bin für sie genauso Dreck wie du. Ein Glück, dass ich kräftig bin wie eine Stute, der liebe Gott hat mich mit guter Gesundheit gesegnet. Man kann sich nicht einfach aufs Bett legen, wenn man keine Krankenversicherung hat. Wenn ich dann eine von diesen Frauenbeschwerden kriegte, fand ich einen Arzt, einen Landsmann, und bezahlte ihn schwarz.


Die beiden schweigen um die Wette. Die Zeit vergeht.

TRAJO: Dein Mann ist ja wohl ein Feigling.

VERA: Wie kannst du es wagen? Wer bist du, dass du über ihn urteilen darfst?

TRAJO: Ich sehe nur, dass er seine Frau zur Sklavenarbeit in die Fremde geschickt hat. Das ist nicht richtig. Nicht fair.

VERA: Kümmere du dich um deine Angelegenheiten. Woher willst du wissen, wie das war?

TRAJO: Ich weiß nur, dass ich meine Frau nie weggeschickt hätte.

VERA: Die Dinge sind nicht so gelaufen wie geplant. Es fing damit an, dass man Branko 1993 in der Fabrik kündigte. Mišowar gerade aus denWindeln, Zlatko machte seine ersten Schritte. Die Fabrik haben irgendwelche verdammte Schufte ausgeplündert! Nicht eine Schraube ist übriggeblieben. Zweitausend Arbeiter landeten auf der Straße. An der Stelle steht jetzt ein großer Supermarkt. Unser Leben stand auf der Kippe. Die Kinder hatten Hunger, heulten herzzerreißend... Da sagte ich zu Branko: „So geht es nicht weiter. Ich gehe nach Deutschland. Eine Frau findet sich leichter zurecht, ich kann putzen gehen, Kinder hüten, fremde Wäsche bügeln...“ So ging ich arbeiten. Branko verabschiedete mich am Bahnhof, die beiden Söhne auf dem Arm, die Kleinen haben nicht einmal geweint, so ein Schock war das für sie... Der Zug setzte sich in Bewegung, und ich schlug mit dem Kopf auf die Tischplatte im Abteil, um nicht schreien zu müssen... Ich dachte, das ist nur vorübergehend, bis es uns besser geht, es zog sich aber lange hin... Das Leben ist verflogen, ohne dass wir es merkten. Branko fand nie mehr Arbeit.

TRAJO: Das ist keine Entschuldigung. Du kannst es drehen und wenden, wie du willst, er hat dich verbraten.

VERA: Steck du deine Nase nicht in Dinge, die dich nichts angehen. Belehrst du so auch deine Frau?

TRAJO: Ich habe keine Frau.

VERA: Ja, klar. Wenn man sich um niemand sorgen muss, kann man leicht klugscheißen.


Stille... Man hört nur die Geräusche von der Autobahn.

VERA (singt): Treća bolest, Vere, lele, treća bolest

Treća bolest, Vere, umiram za tebe...

TRAJO: Woher kennst du dieses Lied?

VERA: Ich hab es mal bei einer Hochzeit gehört, und es blieb mir im Ohr. Es ist wunderschön.

TRAJO: Meine Mutter hat es mir immer gesungen.

VERA: Die Welt ist klein.

TRAJO: Zu klein.


Sie geht in die Knie. Ist unruhig.

VERA: Ich müsste... auf die Toilette...

TRAJO: Warte... Nicht dass du wieder Unsinn machst...


Er geht im Zimmer umher, prüft das Fenster und die Tür. Schaut ins Badezimmer. Kommt zu ihr zurück. Befreit sie von den Handschellen.

VERA: Das ist nicht nötig, ich muss nicht Groß...

TRAJO: Egal.


Er holt die Pistole heraus.

TRAJO: Beeil dich.


Sie verschwindet im Bad. Trajo setzt sich aufs Bett. Wischt die Pistole ab. Sie kommt zurück. Bleib vor ihm stehen.

VERA: Die Fesseln, mein Scheriff.

TRAJO: Hör auf zu labern. Setz dich dorthin.

VERA: Oho, was für eine Ehre! Womit hab ich das verdient? Mit gutem Benehmen?

TRAJO: Soll ich es mir überlegen?

VERA: Nein, nein.


Sie setzt sich auf den Boden neben den Heizkörper. Er steckt die Pistole ins Halfter.

TRAJO: Ich war verheiratet. Das ist schon lange her. Sie hieß Erika. Ich habe sie in der Kantine auf der Baustelle kennengelernt. Sie arbeitete dort bei der Getränkeausgabe. Nachdem wir geheiratet hatten, mieteten wir eine Kellerwohnung. Eine wunderbar sonnige, wie die Kellerwohnungen so sind, die Miete war dementsprechend billig... Jeden Morgen vor dem Frühstück standen wir nackt in unserer kleinen Küche und hielten uns an den Händen. Wir betrachteten die vielen Schuhe, die vor unseren Augen auf dem Bürgersteig vorbeieilten. Wie in einer Stummfilmkomödie. Wir lachten, bis unsere Lippen steif wurden. Wir hatten alle Zeit der Welt für uns...


VERA: Und wo ist sie jetzt?

TRAJO: Eines Tages brannte sie mit dem Kapitän eines amerikanischen Zerstörers durch. Sie schickten mir eine Ansichtskarte aus Florida. Unsere Eheringe nagelte ich mit eigenen Händen an die Fensterbank und ging weg.

VERA: Diese amerikanischen Schweine. Alles wollen sie für sich haben.

TRAJO: Dagegen kann man nicht. So war es halt.


Schweigen.

VERA: Wie war sie?

TRAJO: Wer?

VERA: Erika. War sie schön?

TRAJO: Wie eine Fee. Glaubst du, dass es Feen gibt?

VERA: Nein.

TRAJO: Auch ich habe nicht daran geglaubt, bis ich sie traf.

VERA: Die Glückliche. Ich bin hässlich wie ein alter Bretterzaun.

TRAJO: Du bist nicht hässlich.

VERA: Schon gut, erzähl weiter...

TRAJO: Ihr Haar war schwärzer als das Weltall, an den Enden leuchtete es, als seien Sterne darauf gefallen. Ihre Augen waren wie zwei Bergseen. Für die Hochzeit hatte sie sich selbst ein Kleid genäht. Sie hatte Zauberhände. Dafür hatte sie einen Baumwollstoff für Bettlaken gekauft, aber du kannst dir nicht vorstellen, wie stolz sie es trug, mit welcher Haltung...

VERA: Zeig‘s mir.

TRAJO: Ich soll es dir zeigen?

VERA: Warum wunderst du dich? Du bist doch Schauspieler.

TRAJO: Das kommt nicht in Frage. Wir sind nicht im Zirkus.

VERA: Mach schon, lass uns etwas Spaß haben!


TRAJO: Es ist schon spät.

VERA: Wir sind doch keine kleinen Kinder, die schon ins Bett müssen.

TRAJO: Nein, das tue ich nicht.

VERA: Soll ich dir etwas sagen: Ich glaube gar nicht, dass du ein Schauspielerdiplom hast.

TRAJO: Aber das ist doch albern... Ein dummes Gefühl. Wie soll ich als Frau auftreten? Schau mich an, ich sehe aus wie ein Bär.

VERA: Ein bisschen Phantasie.

TRAJO: Versprich, dass du nicht lachst.

VERA: Abgemacht.



13.

Schließlich willigt er ein. Nimmt ein Laken vom Bett, wickelt es um die Hüften und die Brust. Schreitet stolz durch das Zimmer. Geht auf Zehenspitzen, als hätte er hohe Absätze. Spricht mit einer Fistelstimme.

TRAJO: Liebster, wie gefällt dir mein Kleid? Ich fühle mich darin wie eine Prinzessin. Das ist der schönste Tag in meinem Leben!


Er schürzt die Lippen, als erwarte er einen Kuss.

TRAJO: Küss mich, Liebster, bevor wir zum Standesamt gehen, das bringt Glück.


Vera kann es nicht mehr unterdrücken, sie bricht in Lachen aus.

VERA: Mein Gott, ich halte es nicht mehr aus! Hahahaaaa!


TRAJO: Du hattest versprochen...


Wütend reißt er das Bettlaken vom Leib.

TRAJO: Und jetzt sehen wir uns Branko an. Damit er nicht beleidigt ist, weil wir ihn übersprungen haben. Los, jetzt bist du dran.

VERA: Ich kann so was nicht...

TRAJO: Du kriegst das schon hin. Da bin ich mir sicher.


Sie zögert, überlegt... Dann zieht sie seine Stiefel an. Stellt sich breitbeinig mitten ins Zimmer.

VERA (mit rauer Stimme): Vera, Liebste, machmir schnell einen Glühwein, damit ich auftaue! An diesem elenden Fluss sind mir die Eier zu Eis geworden. Meine Hose ist voll Schlamm und geangelt hab ich nichts! Um ein Haar hätte ich einen Wels gefangen, fast zwei Meter lang, aber er riss sich los, und ich fiel auf den Arsch!


Sie plumpst auf den Hintern, Trajo liegt neben ihr zusammengekauert in einem Lachkrampf.

TRAJO: Aahhhaa! Du bist ja total verrückt!


Sie betrachten einander. Schnappen nach Luft. Er steht als Erster auf.

TRAJO: Genug. Wir stehen in aller Frühe auf.


Vera zieht die Stiefel aus. Nimmt die Decke und das Kissen, will sich ihre Schlafstelle auf dem Boden einrichten.

TRAJO: Doch nicht auf dem Fußboden...

VERA: Wenn du wüsstest, wo ich alles geschlafen habe... Das hier ist ein Paradiesdagegen.

TRAJO: Komm ins Bett.

VERA: Meinst du das im Ernst?

TRAJO: Mach keine Umstände.


Er legt sich auf eine Hälfte des Bettes. Dreht ihr den Rücken zu. Sie kauert sich auf der anderen Hälfte zusammen. Ihre Rücken berühren sich kaum.

TRAJO: Ich lasse das Licht an. Damit ich mich nicht verschlafe.

VERA: Hast du denn keinen Wecker?

TRAJO: Doch, aber so ist es sicherer. Schlafe.


Aber der Schlaf will nicht kommen.

VERA: Trajo...

TRAJO: Was ist?

VERA: Ich habe nie den Namen Trajo gehört. Bedeutet er etwas?

TRAJO: Leben. Trajo bedeutet in der Roma-Sprache Leben.

VERA: Ich pfeife auf so ein Leben.

TRAJO: Du bist mir die Richtige, das zu sagen.


Sie schweigen. Im Bad tropft der Wasserhahn. Sie richtet sich auf und legt eine Hand auf seine Schulter.

VERA: Weißt du, das mit dem faschistischen Stück Scheiße habe ich nicht ernst gemeint... Verzeih mir.


Trajo dreht sich um. Schaut sie an.

TRAJO: Geht in Ordnung. Auch ich wollte dich nicht eine falsche Schlange nennen.

VERA: Dann ist ja alles klar.

TRAJO: Als du ausgebrochen warst, gab es eine komische Sache... Ich streckte den Hunden meine Hände hin, damit sie deinen Geruch aufnahmen, wartete, bis sie weg waren, dann legte ich sie an meine Nase. Um deinen Geruch nicht zu vergessen... Die Ortspolizisten lachten mich aus, diese Idioten.


Er nimmt ihre Hände in die seinen. Riecht an ihnen.

TRAJO: Gute Nacht.

VERA: Warte...


Sie schließt mit der Hand seine Augen. Küsst ihn auf die Lider, die Wimpern...

TRAJO: Das dürfen wir nicht...

VERA: Doch...


Sie küssen sich. Er beginnt, sie zu entkleiden.

VERA: Mach bitte das Licht aus. Seit Jahren hat mich niemand mehr nackt gesehen, nicht einmal mein Mann... Wir kommen nicht dazu, so weit voneinander entfernt…


Trajo knipst das Licht aus.


14.

Frühmorgen. Sie liegen umarmt. Vera wird wach. Sie streichelt ihm über die Stirn.

TRAJO: Ich habe geträumt...

VERA: Hast du nicht.


Sie ziehen sich an.

VERA: Lass mich doch laufen.

TRAJO: Das kann ich nicht.

VERA: Du kannst es, du musst es tun, mein Schatz! Zeig ihnen ein für alle Mal, dass du nicht deren Hund bist.

TRAJO: Ich traue mich nicht... Nachdem ich die Polizeischule beendet hatte und die erste Streife gegangen war, fühlte ich zum ersten Mal, dass die Leute mich ertragen können, dass sie mich zwar nicht schätzen, aber ertragen... Das war ein großer Fortschritt. Jetzt kann ich nicht zurück.

VERA: Aber du musst! Zeig ihnen die Zähne, brich deren Gesetze, nur so wirst du Ruhe finden, glaub es mir.


Schweigen. Dann entscheidet er sich...

TRAJO: Geh, ich will dich nicht mehr sehen.

VERA: Mein Lieber...


Sie küsst ihm die Hände. Sie umarmen sich und bleiben so stehen. Für immer.

Dann zieht sie die Schuhe an, nimmt ihren Mantel und geht. Trajo setzt sich auf den Boden. Lehnt den Kopf gegen das Bett. Ein bohrender Schmerz durchfährt seinen Körper. Er fasst sich an die Brust. Stöhnt. Zeit vergeht.

Vera kommt zurück.

VERA: Trajo...


Sie findet ihn am Boden. Stürzt zu ihm.

VERA: Trajo, mein Lieber, sieh mich an...

TRAJO: Wo bist du...?

VERA: Hier bin ich, mein Schatz, wo sonst... Ich bin zurückgekommen. So kann ich nicht. Gehen wir zusammen weg... Du und ich allein auf der Reise. Der Tank ist voll, alles andere ist uns egal...

TRAJO: Es tut so weh...

VERA: Wo tut es weh, zeig mir... Oh Gott, ich rufe die Erste Hilfe, die kommen sofort, wir sind doch in Deutschland!

TRAJO: Die kommen nicht...


Er erstarrt in ihren Armen. Weg ist er.

VERA: Trajo, mein lieber Trajo, hörst du mich...? Schau mich doch an, wie soll ich... Wo soll ich jetzt hin? Verlass mich nicht, mein Liebster...









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